Mehr als nur Mehrheiten

(Foto: Berit Watkin/flickr.com/CC BY 2.0)

Vor sieben Jahren gründete ein Aussteiger aus Deutschland eine Gemeinschaft in der Algarve im Süden Portugals. Jeden Freitag findet in Tojeiro die „Pizza Party“ dort statt, mit integrierter Pizza-Flatrate und anschließender elektronischer Musik bis zum Mittag des nächsten Tages. Alle, die dort leben, kommen als Freiwillige, für wenige Wochen oder einige Jahre. Ein einmonatiger Aufenthalt dort hat Fragen aufgeworfen: Was ist Gemeinschaft? Wie werden Entscheidungen getroffen? Wieso ist das Mehrheitsprinzip als politische Lösungsfindung so dominant? Ein Erlebnisbericht über das Alternativmodell.

Die Sonne ist bereits halb aufgegangen, es ist heiß, fast tropisch im Süden Portugals. Der Klimawandel zeigt seine Konsequenzen auch in Gemeinschaften, wo nicht industriell produziert wird und die alltäglichen sozialen Räume fußläufig erreichbar sind. Es wurde auf den Regen gewartet, denn der Niederschlag ist essenziell an die Wasserversorgung gekoppelt, die über einen (verdunstenden) See und (noch auszubauende) Filtersysteme funktioniert. Seit einigen Jahren regnet es immer später im Jahr, berichtet ein Ansässiger, der Getränke hinter der Bambus-Bar ausgibt. Während des Wartens, also über Wochen, gibt es Raum zum Musizieren, Schreiben oder Bier trinken. Zeit bleibt allen nur dann übrig, wenn die als notwendig bestimmten Arbeiten unter den Freiwilligen aufgeteilt werden, das ist die erste Einsicht aus Tojeiro.

Umringt von Bergen mit rotem Boden, wüstenartig, liegt Tojeiro in einem Tal, das über tausend Quadratmeter umfasst. Zum Gelände gehören Wohnhütten, Caravans und Zeltplätze, manche höher in den Bergen und jeden Morgen steigen Bewohner*innen wie Zarathustra ins Tal. Aber statt zu predigen, zur Organisation von Arbeit. Füße in Flip-Flops, Flip-Flop an schwarzen Bäumen vorbei, überqueren den blumenübersäten Garten, gehen vorbei an Hängematten auf bemalten Steinpfaden in den Gemeinschaftsraum, der eine Konstruktion aus gesägten Eukalyptusbäumen ist, die in Portugal zur Papierproduktion überall gepflanzt sind. Aus Australien importiert, für Waldbrände verantwortlich und ihre tiefen Wurzeln lassen die Erde vertrocknen.

Selbstverwaltete Arbeit

Um neun Uhr findet fast jeden Tag im Gemeinschaftsraum ein Treffen statt, das eine Person vorbereitet und moderiert. Es werden die für den Tag anfallenden Tätigkeiten gesammelt und aufgeschrieben. Das Kochen, Gärtnern und Putzen sowie die Pressearbeit sind alltägliche Aufgaben. Auch die Entwicklung von automatischen Systemen oder der Aufbau von Chill-Bereichen auf dem sich hinter dem Gemeinschaftsraum erstreckenden Partygelände gehört dazu. Zwei Bühnen und viele Sitzecken sind dort, der Partyhof ist außer freitags der Wohnraum der Freiwilligen. Mit Hilfe eines Meldeprinzips wird sich morgens einer Aufgabe zugeteilt, der eigene Name wird dann unter einem Projekt an der Tafel aufgelistet – die Arbeit ist prinzipiell freiwillig und wer länger schlafen muss, kann sich nach dem Aufstehen schon bestehenden Arbeitsgruppen anschließen oder eigene Aufgaben finden und lösen.

(Foto: lele3100/flickr.com/CC BY 2.0)

Die Arbeit ist nicht vergütet, halbprofessionell und basiert auf Lernprozessen der Individuen. Madalaine beispielsweise kommt aus Australien und reist seit einem Jahr fast ohne Geld durch Europa: „Was du für Arbeit erhältst, wenn du Geld abziehst? Echten Wert im Leben und Profit von der Erfahrung.“ Wer hier Arbeit verrichte, tue das aus anderen Motivationen als Geld und jede verrichtete Tätigkeit verbessere die gesamte Gemeinschaft. Es wird nicht fünfzig Mal gekocht, sondern dreimal am Tag jeweils für alle, in „Breakfast, Lunch and Dinner“-Teams, bestehend aus etwa drei Personen. Drei Stunden zu kochen, ist genug Beruf für den Tag und niemand anderes muss Zeit für Essenszubereitung aufwenden. Geld, außer für Bier und Softdrinks, wird von Einzelnen nicht gebraucht. Eingekauft werden muss aber dennoch, da die Gemeinschaft nicht autark, also komplett selbstversorgend, lebt.

Entscheidet euch

Entscheidungen, welche Arbeit relevant ist, Vorrang hat und wie sie organisiert wird, sollen prinzipiell im Konsens beschlossen werden. Ein Konsens ist ein diskutierter Kompromiss, außer ihm wird in Form eines Vetos widersprochen.

In Tojeiro wird nicht Jede*r für eine Entscheidung befragt. Geht es beispielsweise um die Wasserversorgung, treffen sich einige der dort lebenden Menschen, die etwas Vergleichbares studieren, sich praktisch damit auseinandergesetzt oder gute Ideen haben und bilden eine Arbeitsgruppe. Dort werden Lösungsvarianten des Problems diskutiert und ein konkretes Projekt geplant, das, wenn nötig, von allen umgesetzt wird. Probleme, genügend Personen für die Arbeitsgruppen zu finden, gab es nicht – deine Bedürfnisse sind die aller. Sie sind die Arbeit, die getan werden muss, so das Motto. Das Überleben und Verbessern der allgemeinen Lebensbedingungen an sich und für alle ist das Ziel. Erreicht wird es durch die Vergemeinschaftung von Problemen, grundlegenden Bedürfnissen und Arbeit. Materielle Ressourcen werden geteilt, sind also für jede Person verfügbar: Von Werkzeugen über geerntete Tomaten bis zu DJ*ane-Equipment.

Wenn in Arbeitsgruppen Entscheidungen nach Meinungen getroffen werden müssen, weil es keinen sachlichen Beschluss gibt, wird entweder versucht verschiedene Lösungsvarianten koexistieren zu lassen, mehrere Dinge auszuprobieren oder mit Hilfe des Mehrheitsprinzips einen Lösungsvorschlag vorerst durchzusetzen. Das Mehrheitsprinzip verbleibt als Notlösung: Es wird von der Möglichkeit verdrängt im Diskurs und durch Interessenintegration möglichst viele Perspektiven zu berücksichtigen. Falls angewandt, muss sich auch niemand dem Mehrheitsbeschluss beugen. So war ein Mottovorschlag für eine Party „German night“. Viele fanden die Idee ziemlich witzig, in selbstgebastelten Fake-Lederhosen rumzulaufen und Nena zu singen. Einige nicht. Statt ein Veto einzulegen wurde das Motto in „deutsche Unterwasserstadt“ geändert. Wer nicht „deutsch“ spielen will, kommt als Fisch oder Pfannenwender. Oder als SM-Unterwasserdackel – wie auch immer. So konnten Handlungen und Wünsche koordiniert werden. Die Menschen arbeiten zusammen, lassen sich ihre Freiräume und vermeiden Sabotage untereinander.
Für den Kompromiss muss das Ego zurückstecken. Eine Space-Area mit mechanischer Dekoration für eine Party ist aufgrund des hohen Ressourcenverbrauchs niemand unterstützen wollte. Und das war dann eben auch okay für mich. Es gilt in der diskutierenden Form der Entscheidungsfindung, basierend auf Freiwilligkeit, Betroffenheit und Wissen, Kritik einzubringen und zu widersprechen, Ideen und Alternativen darzulegen. Um eine möglichst objektive Perspektive auf ein Phänomen zu ermöglichen, also so viele potenzielle Kausalitäten nach der Handlung wie möglich Voraussagen zu können.

Tojeiro und die Welt

Dianna, angehende Master-Studentin im Fachbereich Politik in Madrid und Anarchistin aus Illinois, die seit einigen Monaten in Tojeiro lebt, erzählt in einem Gespräch, wie sie sich Entscheidungsfindung in größerem Maßstab vorstellt: „Wir müssen Ressourcen organisieren und in kleineren Gemeinschaften die Regeln für das Leben miteinander.“ Bei komplexen Sozialgebilden greift sie auf ein Prinzip aus der anarchistischen Gewerkschaftsbewegung zurück. „Falls die Ressourcenproduktion- und Verteilung mehr als eine Gemeinschaft betrifft, können überregionale Treffen einberufen werden. Da nicht alle daran teilnehmen können, werden Delegierte von der Gemeinschaft ausgewählt. Zuvor muss eine Gruppenmeinung innerhalb der Gemeinschaft bestimmt werden, die der Vertreter einbringen soll. Aber nichts anderes.” Sie versteht nicht, warum Entscheidungen von fremden Menschen für jede Person innerhalb eines ganzen Staatsgebietes getroffen werden müssen. „Auch in direkter Demokratie hat dann jeder eine Stimme, um über etwas zu entscheiden, worin er praktisch nicht involviert ist oder keine Ahnung von hat. Es kann doch sogar meinem Nachbar egal sein, ob ich Gras rauche oder nicht – wichtig sind Grundsätze, wie zum Beispiel, dass der Umwelt, deren Teil wir sind, nicht nachhaltig geschadet werden darf und niemand vergessen wird“, so Dianna weiter.

Sie sieht den bestehenden politischen Prozess als Konkurrenzverhältnis von Meinungen, die sich ausschließen, statt eine gemeinsame Lösung zu suchen und Wünsche zu verbinden. Als Grund für die Konkurrenz beschreibt sie die unterschiedlichen sozialen und materiellen Positionen, aus denen heraus für die eigene soziale Gruppe gewählt wird, anstatt sich „als Mensch zu begreifen, der generell an dem Progress der Menschheit arbeitet und dafür gemeinsam Ressourcen produziert“. Im Wahlverfahren würde durch die Delegation ohne Rückbezug zu den Wählenden der Entscheidungsprozess willkürlich, durch Mehrheiten würde zwar Handlungsfähigkeit gewährleistet, aber kein gesellschaftliches Ziel. Sie drückt ihr Unverständnis dem Zwang gegenüber aus, Teil eines riesigen Staates zu sein und dessen Regeln befolgen zu müssen. Auch deswegen lebe sie längere Zeit in Tojeiro, „to escape power“.