Reformator oder Hassprediger?

Martin Luther: Seine antisemitische Seite wird oftmals unterschlagen. (Foto: caro)

Er wird gefeiert für seine Stärke, seinen Mut und seinen Widerstand. Er gilt als großer Reformator, der sich gegen die katholische Kirche erhob und gegen den Ablasshandel kämpfte, die Bibel ins Deutsche übersetzte und so maßgeblich zur Entwicklung der deutschen Sprache beitrug. Die Rede ist von Martin Luther. Oftmals verschwiegen und relativiert wird jedoch sein Hass auf Andersdenkende, allen voran auf jüdische Menschen. Die Initiative Religionsfrei im Revier veranstaltete deshalb am Samstag, 21. Oktober, im Kulturbahnhof Bochum Langendreer eine Tagung zu Luther und übte Kritik am Reformator und der evangelischen Kirche.

Lutscher, Playmobilfiguren und Kaffee im Luther-Design sowie Kondome mit dem Aufdruck der nie gesagten, aber oft zitierten Worte „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“ kennzeichnen den Luther-Hype während der Lutherdekade von 2008 bis 2017. Ein ganzes Land, so erweckt es den Anschein, feiert einen Mann und greift dabei auf insgesamt 250 Millionen Euro Steuergelder zurück. Höhepunkt der Feierlichkeiten: Der Reformationstag wird 2017 einmalig zum bundesweiten Feiertag erklärt.

Referenten der Fachtagung waren unter anderem Hartmann Schimpf und Armin Schreiner, verkleidet als Martin Luther, die in einem gespielten Dialog vorführten, wer neben den jüdische Menschen noch zu Luthers Feindbildern gehörte. Schimpf erklärt die Intention: „Wir werden auch weiterhin Luther beim Wort nehmen und ihn damit enttarnen.“ Nach diesem Motto arbeiteten auch die Referenten Karl-Heinz Büchner, Bernd P. Kammermeier, Reinhold Schlotz und Robert Zwilling, die gemeinsam in drei Bänden die judenfeindlichen Schriften Luthers ins heutige Deutsch übersetzt haben. Kammermeier erklärt: „Wir müssen diese Schriften bekannt machen“. Bisher habe man das womöglich aus gutem Grund nicht getan. „Wenn man Luther versteht, mag man ihn vielleicht nicht mehr“, sagt er zynisch.

Zwischen Antisemitismus und Antijudaismus

Kammermeier stellt in seinem Vortrag „Luthers judenfeindliche Schriften“ zahlreiche Stellen vor, die seinen Hass belegen. Weil die jüdischen Menschen Jesus als Messias ablehnten, erklärt Luther: „Darum, wenn du einen richtigen Juden siehst, kannst du mit gutem Gewissen ein Kreuz schlagen und frei und sicher sprechen: Da geht ein leibhaftiger Teufel.“

Auch bezeichnete er sie als „stinkenden Abschaum“ und „verschimmelten Sauerteig“. Die „scharfe Barmherzigkeit“ aus „Von den Juden und ihren Lügen“

Das 7-Punkte-Programm Martin Luthers gegen die Jüd*innen erinnert an den Holoaust. (Foto: caro)

sticht aber unter den Schriften besonders hervor. Luther rät darin unter anderem zum Anzünden von Synagogen, der Wegnahme religiöser Bücher und zur Zwangsarbeit. Die historische Bedeutung dieser Aussagen unterstützt Kammermeier mit zahlreichen Zitaten. Martin Sasse feierte Luther als den „größten Antisemiten unserer Zeit“. Und Hitler sagte: „Er war ein großer Mann, ein Riese. Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung, sah den Juden, wie wir ihn heute erst zu sehen beginnen.“ Ein Zitat des Philosophen Karl Jaspers zieht eine klare Verbindung: „Was Hitler getan, hat Luther geraten, mit Ausnahme der direkten Tötung durch Gaskammern.“

Während die einen Luthers Aussagen als klar antisemitisch bezeichnen, stuft die evangelische Kirche Luther als antijudaistisch ein. Pfarrerin Margot Käßman, Botschafterin der Reformationsdekade, vertritt zudem die Auffassung, Luthers Antijudaismus sei in der Kirche erst nach 1945 überwunden worden. 2013 äußerte sie sich auf die Frage, ob die Reformation mit einer toleranteren Einstellung Luthers anders verlaufen wäre: „Ich schätze Martin Luther sehr: seine Sprachkraft, seine Wortmächtigkeit und auch seine Sturheit, mit der er seine Sache mutig auch vorangebracht hat. Aber etwas mehr Toleranz hätte sicher nicht geschadet und nicht gleich die ganze Sache infrage gestellt.“

Zudem argumentiere die evangelische Kirche, Luthers Schrift „Dass Jesus Christus als Jude geboren wurde“ (1523) sei judenfreundlich. Referent Reinhold Schlotz kritisiert in seinem Vortrag „Guter Luther, böser Luther“, dass der Reformator darin aber die Bekehrung zum Christentum – die Judenmission – anpreise und diese aus jüdischer Sicht nicht judenfreundlich sei. Mit Luthers abschließender Aussage „Hier will ich‘s diesmal lassen bleiben, bis ich sehe, was ich gewirkt habe.“ stelle er zudem „diese ganze Judenfreundlichkeit unter einen zeitlichen Vorbehalt“, so Schlotz.

Manipulation der Gesellschaft

Weiter geht Schlotz auf das Bild Luthers in der Gesellschaft ein und bietet eine Erklärung, warum viele Menschen Luther unkritisch gegenüber stehen. So kamen etwa mit Luther, 2003, und Katharina Luther, 2017, zwei Filme der Produktionsfirma Eikon über den Reformator und seine Frau in Kino und Fernsehen. Während in Luther kein Wort über seine Einstellungen zu den jüdischen Menschen Erwähnung findet, werden diese in Katharina Luther bloß mit einem Nebensatz abgetan. Zudem sei „irritierend“, so Schlotz, dass sich Luther im Film von 2003 „liebevoll um ein behindertes Kind“ kümmert. „Das finde ich besonders dreist und geschmacklos, wenn man weiß, dass er behinderte Kinder als ein vom Teufel in die Wiege gelegtes, seelenloses Stück Fleisch bezeichnet, dass man ersäufen soll“, kritisiert Schlotz. Besonders interessant sei in diesem Zusammenhang der Aspekt, dass die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) Gesellschafter der Eikon ist und somit eine bewusste Manipulation und Beeinflussung eines Millionenpublikums erzeugt wurde.

Martin Budich von Religionsfrei im Revier führte anschließend durch das Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Zwar fänden sich hier neben den unkritischen Beiträgen auch Aufsätze wie „Populäre Irrtümer rund um die Reformation“ von Axel Gotthard, die einen differenzierten Blick auf Luther werfen. In ihrem eigenen Magazin (März 2017, Ausgabe 11) jedoch habe die bpb Luther als Helden für die Jugend inszeniert. Das Heft gilt als vergriffen, die pdf ist dennoch weiterhin online verfügbar.

Am Ende der Tagung steht für Budich fest, dass Luther ein Hassprediger gewesen sei. Er habe sich eine Bibelstelle genommen, darin seine Begründung gesehen, Hass entwickelt und mit dem Text argumentiert, er würde als Handwerkzeug Gottes handeln.