So lebendig wie Beton: Duisburg und Essen im Duell

Die Universität Duisburg-Essen hat in beiden Städten Campusse. Unser Redaktionsschwein Ferdi hat sich mit den Redakteuren Daniel Veutgen, der Essen noch nie länger als drei Wochen verlassen hat und in Duisburg studiert, und Philipp Frohn, der Duisburg noch nie länger als drei Wochen verlassen hat und in Essen studiert, auf neutralem Boden getroffen und nachgefragt, welche Uni-Stadt denn nun die bessere ist.

Dass man lieber den Duisburger Landschaftspark als Essen besucht, liegt ja auf der Hand. (Foto: fro)

Ferdi: Zwei Campusse an der Uni Duisburg-Essen. Wo lässt es sich besser studieren und wer hat das leckerste Mittagessen?

Daniel: Bei den Mensen geht der Punkt doch wohl klar nach Essen! Die Versorgung in Duisburg ist katastrophal, nachdem die Mensa im Bibliotheksbereich zugemacht hat. Wer dort studiert, dem bleibt oft der gustatorische Exitus mit frittierten Köstlichkeiten aus dem deutlich teureren U-Café. Und der Gang Richtung Hauptmensa ist auch keine echte Alternative: Der dunkel gekachelte Eingangsbereich im Charme der schlechten 80er-Jahre verdirbt einem schon beim Eintritt den Appetit. Die Essener Mensa ist gemütlicher und moderner, hat eine Pizza- und Pasta-Station. Und der Campus in Essen verdient seinen Namen wenigstens auch. Im Sommer sitzen Studierende auf der Wiese, treffen sich auf ein Bierchen nach der Vorlesung. Der zersplitterte und lang gezogene Campus in Duisburg versprüht hingegen so viel studentisches Flair wie auch der Rest der Stadt: Keine.

Philipp: Ich studiere seit vier Jahren an der Universität Duisburg-Essen und war nicht einmal in der Mensa am Duisburger Campus. Aber allein die Keksdosen am Duisburger Campus nahe des Waldgebietes laden doch deutlich mehr zum Verweilen ein als die marode und lieblos hochgezimmerten Essener Büffelburgen. Eine Zuflucht ins universitäre Umland ist dort auch nicht möglich. Abgesehen von einem neumodisch zusammenbetonierten Wohnprojekt städtischer Dekadenz im fälschlicherweise als Grüne Mitte bezeichneten Viertel und einem riesigen Konsumtempel sucht man vergebens nach Verweilalternativen.

Ferdi: Es heißt, Duisburg sei eine verdammt hässliche, graue Stadt und über Essen machen sich nur alle lustig, weil der Titel als Grüne Hauptstadt Europas wohl nicht ernst zu nehmen sei. Was ist da los?

Philipp: Abgesehen von einem omnipräsenten Grau hat Essen nichts zu bieten. Der Essener Süden versteht sich als bourgeoise Zufluchtsstätte gutbetuchter Individuen wie Daniel, die sich von der gemeinen und studentischen Bevölkerung distanzieren. Auch der aus unerklärlichen Gründen als einzigartiges Naherholungsgebiet umworbene Baldeneysee enttäuscht spätestens, sobald man erfährt, dass es sich dabei lediglich um eine Form kommunaler Sehnsuchtsbewältigung handelt. Denn egal, wie sehr es sich die Essener*innen wünschen: der Baldeneysee ist kein See, sondern lediglich der fette Bauch der Ruhr. Anders in Duisburg, wo es neben der Ruhr auch den Rhein mit seinem Schiffsverkehr zu bestaunen gibt. Allein in Wedau finden sich mit der Sechs-Seen-Platte – keine gefakten wie in Essen – zahlreiche Schwimmmöglichkeiten. Daneben gibt es noch sechs weitere Seen im Stadtgebiet verteilt und ein 600 Hektar großes Waldgebiet. Grau sieht anders aus. Und auch ehemalige Anlagen der Schwerindustrie prägen nun durch eine freizeitliche Nutzung das Stadtbild. Der Landschaftspark Duisburg-Nord ist eines der Highlights und zieht massenhaft Besucher*innen an. Anders als in Essen, wo man für den Besuch des Grugaparks ernsthaft Eintritt verlangt, ist der Besuch hier kostenlos.

Daniel: Wow, sechs Seen? Also immerhin sechs Möglichkeiten sich zu ertränken, um der Einöde Duisburgs zu entfliehen. Was nützen sechs Seen, wenn der Rest der Stadt hässlich ist. Das einzige, was die Stadt wirklich hätte aufwerten können, wäre der Bau des Duisburger Outlet-Centers (DOC) gewesen. Und aus dem Rest Duisburgs hätte man am besten einen riesigen Parkplatz gemacht. Aber die Duisburger*innen haben sich ja in ihrem Wunsch nach Stillstand und Bedeutungslosigkeit gegen das DOC entschieden. Was außerdem für Duisburg als schlimmere Stadt spricht: Der Duisburger Zoo, wo man im 3-Wochen-Rhythmus Delfinbabys beim Sterben zusehen kann. Wenn das kein Sinnbild für die fatalistische Morbidität dieser Stadt ist, weiß ich es auch nicht. Da wirkt Essen wie ein buntes Regenbogenland, in dem Milch und Honig fließen. Zeche Zollverein ist weltberühmt, Gruga und Baldeneysee eignen sich hervorragend zum Entspannen. Und in den fetten Bauch der Ruhr fließt auch frisches Wasser, während die Duisburger*innen sich in ihren Seen seit Jahren im eigenen Sud suhlen.

Ferdi fühlt sich in Essen sauwohl. (Foto: dav)

Ferdi: Offensichtlich gibt es in beiden Städten Vor- und Nachteile. Gibt es denn ausreichend Möglichkeiten, sich die negativen Aspekte des Wohnorts schön zu trinken?

Daniel: Klar, mit der Kneipendichte von Düsseldorf oder Köln kann Essen nicht mithalten. Duisburg schlägt es aber locker. Letztens erzählte mir jemand, er ginge auf eine Kneipentour in Duisburg. Ich kann mir kaum vorstellen, dass so eine Tour länger als zwei Stunden geht. Oder kennt jemand noch eine andere ernstzunehmende Kneipe als den Fährmann und den Finkenkrug? Da reichen selbst 200 Biersorten nicht, um sich diesen Hauch von Nachtleben schön zu saufen. In Essen sieht die Sache da doch schon ganz anders aus. In Rüttenscheid drängt sich Kneipe an Kneipe, die Nordstadt ist ein Szeneviertel, dazu die diversen Clubs wie das Studio, 19 Down oder der Goethebunker. Auch beim Bier mundet das Essener Stauder Pils doch deutlich besser als die Plörre aus der Duisburger König Pilsener Brauerei.

Philipp: Wer den Finkenkrug hat, braucht doch keine andere Alkoholquelle mehr. Nicht zu vergessen das Dellviertel mit zahlreichen kleinen Spelunken und der Innenhafen, dessen fancy Flaniermeile das gentrifizierte Rüttenscheid alt aussehen lässt. Ganz davon abgesehen benötigt man in Duisburg anders als in Essen keine sinnesbetäubenden Mittel, um dem kläglichen Dasein lethargischer Realität zu entfliehen. Auch hat Duisburg den entscheidenden Vorteil, dass man online schnell Restaurants finden kann. Wer schon mal nach „Restaurant Essen“ gegoogelt hat, wird das Problem kennen.

Ferdi: Wenn man vom Lande kommt, hat man große Erwartungen an die großstädtische Infrastruktur. Komme ich gut von A nach B?

Daniel: Mit acht Straßen-, drei U-Bahnen und diversen Bussen sind die Anbindungen im Essener Nahverkehr besser als die in Duisburg, was ja auch nicht schwer ist. Wieso sollte sich dort auf den Straßen auch etwas bewegen, wenn in der ganzen Stadt seit Jahren Stillstand herrscht? Mit der 903 zu fahren grenzt an Körperverletzung, das wird Philipp sicherlich bestätigen. Aber auch Essen hat eine Katastrophen-Bahn. Die Linie 109 ist auch immer voll und kommt wann sie will, was nicht so oft der Fall ist.

Philipp: Naja, das Duisburger ÖPNV-Angebot ist echt nicht so der Knaller. Mit seinen drei Straßenbahnlinien und einer U-Bahn Linie ist die Stadt nicht reich bestückt. Zudem fühlt man sich gerade in der 903 wie eine Sardine in der Büchse. Wer zwischenmenschliche Nähe sucht, ist dort aber gut aufgehoben. Da muss ich Daniel recht geben. Zwar hat Duisburg einen recht gut ausgebauten Busverkehr, doch sollte man diese Art der Fortbewegung generell meiden. Sie erinnert zu sehr an ländliches Vor-sich-hin-siechen. Das Gute am nahezu prähistorischen Nahverkehr in Duisburg: Für die zahlreichen Verspätungen kann man sich bei der DVG eine pauschale Entschädigung auszahlen lassen. Und so oft, wie hier irgendeine Bahn scheinbar vom Erdboden verschwindet oder der Bahnfahrer für eine Pipipause mitten auf der Hauptstraße eine fünfminütige Fahrtunterbrechung einlegt (echt schon erlebt), lohnt sich eine exakte Buchführung darüber mehr als Lotto spielen. In Duisburg muss man sich – anders als in Essen – aber gar nicht unbedingt den Fängen des Nahverkehrs unterwerfen. Statt eingepfercht und der mobilen Selbstständigkeit vollkommen beraubt durch die Stadt zu tingeln, bietet es sich in Duisburg perfekt an, sämtliche Strecken umweltschonend und fitnessbedacht mit dem Rad zurückzulegen. Auch gibt es überall Abstellmöglichkeiten, sogar am Hauptbahnhof. Eine Idee, die ironischerweise der Stadt mit dem Titel „Grüne Hauptstadt Europas“ noch nicht kam. Dort ist es aber ohnehin egal, denn abgesehen von fehlenden Fahrradstreifen müsste man sich durchs hügelige Stadtgebiet quälen. Eine Radfahrt durch Essen wirkt wie die Teilnahme an der Tour de France durch einen Streckenteil, den man im Idealfall aus Selbstschutzgründen mit geschlossenen Augen passieren sollte.

Auch in Essen gibt es ein bisschen grün. (Foto: dav)

Ferdi: Welche Stadt ist denn vom politischen Klima erträglicher?

Philipp: Das ist doch wie die Wahl zwischen Pest und Cholera, oder? In Essen regiert mit Thomas Kufen ein CDU-Mann, der die Obergrenze für Geflüchtete für eine ganz sinnvolle Idee hält und Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link hält die Äußerung für eine gute Idee, dass er gerne Osteuropäer*innen gegen Syrer*innen eintauschen würde. Zum Glück für ihn, dass er sich auf eine für Antiziganismus und Rassismus offene Wähler*innenschaft berufen kann. Im Sachsen Duisburgs, dem nördlichen Stadtteil Neumüll (Neumühl), schaffte es die AfD auf 21,1 Prozent bei der Bundestagswahl. Ach, und montags treffen sich (immerhin nicht mehr jede verdammte Woche) die Elendsgestalten von Pegida zur kollektiven Artikulation ihres Rassismus. Auch die lokale Linkspartei demonstrierte schon öfter, dass sie unwählbar ist. In einem Flugblatt, in dem Hakenkreuz und Davidstern miteinander verschmolzen waren, zeigt sich der sekundäre Antisemitismus der Partei. Aber von Antisemitismus kann man in Essen ja auch ein Lied singen.

Daniel: atsächlich liegt auch in Essen einiges im Argen. Man erinnere sich nur an die antisemitischen Ausschreitungen bei der Demonstration der Linksjugend Solid Ruhr in Essen 2014. Und auch hier hat die AfD bei der Bundestagswahl in einigen Stadtteilen richtig abgeräumt. In Vogelheim und Karnap hat sie es auf 22,3 beziehungsweise 21,1 Prozent gebracht. Dazu grinste noch das bundesweit bekannte Gesicht der AfD, der ehemalige SPD-Politiker Guido Reil, von diversen Plakaten. Er durfte auch durch Talkshows tingeln, um seine gefühlten Wahrheiten zu verbreiten.
Ich denke, wir können uns in diesem Punkt darauf einigen, beide verloren zu haben. Vergangenes Jahr hatte mit dem Alibi noch ein linker Freiraum mit viel politischem Potential direkt neben der Uni seine Türen geöffnet, der hier noch den Sieg für Essen hätte holen können. Leider war es das mit dem Alibi auch schon nach etwas mehr als einem halben Jahr.