Studieren auf einer ewigen Baustelle

Seit Jahren löst an der Universität Duisburg-Essen (UDE) eine Baustelle die nächste ab und gestaltet die Raumsuche zu einem Labyrinth. Weitere Arbeiten befinden sich bereits in Planung und doch scheint die Liste der Mängel endlos zu sein. Das belastet die Lehr- und Lernatmosphäre. Wir haben mit Studierenden, dem AStA und dem Gebäudemanagement über die marodesten Plätze der Universität gesprochen.

Baustellen weit und breit: Neben Wasserlachen auf dem Boden, hängt Kabelgestrüpp von der Decke. (Foto: caro)

„LF 035 ist ein Paradebeispiel – da fällt einem wortwörtlich die Decke auf den Kopf.“; „Lernatmosphäre sieht anders aus.“; „Damentoilette LE 2. Etage. Absolute Katastrophe!“; „Treppenhaus zwischen R11 und R12 ab der dritten Etage. Sieht aus, als würde das Gebäude zu einer Seite absacken und es regnet auf allen Etagen rein (durch die Decke, wie auch immer das geht).“ Das sind nur ein paar der maroden Orte und Auffälligkeiten an der UDE, die Studierende bei Facebook auf Nachfrage der akduell nennen. Neben baulichen Mängeln, wird auch die Ausstattung kritisiert. Durchhängende Stühle in Hörsälen bleiben entweder leer oder erfordern Ausdauer und gute Beinmuskulatur. Der Mangel an Fenstern führt im Sommer zu stickiger Luft, im Winter verpasst man im schlimmsten Fall das Tageslicht. Die Konzentration und Wohlfühlatmosphäre leiden darunter erheblich.
Neben den maroden Stellen in den Universitätsgebäuden, kritisiert die Fachschaft 1b zudem „den katastrophalen Zustand des Parkhauses“. Nadine Richardt erklärt: „Es ist unzumutbar, zwischen Blut an den Wänden und Fäkalien auf dem Boden zu seinem Auto gehen zu müssen, nur weil die Universität nicht in der Lage ist, dieses Parkhaus ordnungsgemäß zu bewachen und regelmäßig zu reinigen.“

Dass trotz der zahlreichen Mängel parallel neue Gebäude errichtet werden, sorgt für Unverständnis. Das Gebäudemanagement versichert allerdings: „Neubauten werden den Sanierungen nicht vorgezogen.“ Erstere „werden nur genehmigt, wenn ein zwingender Bedarf nachgewiesen wird“. Auch die AStA-Vorsitzenden Marcus Lamprecht und Carlotta Kühnemann haben hierfür aufgrund der Raumnot und der Studierendenzahl Verständnis. Das könne jedoch keine „Entschuldigung dafür [sein], dass marode Gebäude nicht saniert werden, weil das Geld fehlt“. Die Bringschuld sehen sie hier beim Eigentümer – dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB) – statt bei der Universität, die nur Mieter der Räumlichkeiten ist.

Asbest und andere Mängel

Das Gebäudemanagement erklärt außerdem, „die bekannten Mängel [werden] besprochen, gelistet, priorisiert und vom BLB abgearbeitet“. Weiter heißt es: „Große zusammenhängende Maßnahmen werden über das Hochschulkonsolidierungsprogramm (HKoP) bis voraussichtlich 2023 umgesetzt.“ Für die Priorisierung würden „Bauzustand und eventuelle bauliche Zusammenhänge“ eine Rolle spielen. Genaue Angaben zur Art der Mängel und zum Umgang mit kleineren Maßnahmen wurden allerdings nicht getätigt. Anträge für die nächsten Arbeiten befänden sich in beziehungsweise kurz vor der Genehmigungsphase. Betroffen sind unter anderem die Gebäude V15 R/S und R09 S in Essen sowie der M-Bereich und das LE-Gebäude in Duisburg.

Damit überhaupt Räume genutzt werden dürfen, müssten laut Gebäudemanagement das Baurecht sowie die Regelungen des Arbeitsschutzes eingehalten werden. Die von den Studierenden auf Facebook angesprochenen und bereits vor Jahren zur Nutzung freigegebenen Orte scheinen diese Standards trotz allem zu erfüllen. Anders verhielt es sich in der Vergangenheit: Aufgrund von Asbestbelastungen und entsprechenden Beseitigungsarbeiten waren ganze Gebäudetrakte gesperrt. Ob diese Arbeiten nun abgeschlossen sind, möchte das Gebäudemanagement nicht bejahen und flüchtet sich in vage Formulierungen: „Die Erfahrungen zeigen, dass dazu abschließend nichts gesagt werden kann, allein schon angesichts der sich ständig verbessernden Untersuchungsmethoden.“ Nichtsdestotrotz sei „vor Ort ein höchstmöglichstes Maß an Sicherheit gegeben“. Der Eindruck, dass das Problem weiter vorhanden ist, scheint sich durch diese Antwort zu bestätigen.
Von Raumnot und Umzügen
Wegen der Bauarbeiten, aber auch aufgrund der hohen Studierendenzahl, hatte die UDE in der Vergangenheit immer wieder mit Raumnot zu kämpfen. Die Highlights: Vorlesungen und Seminare im Kinosaal und Containern. Aber auch Büros wie etwa die des Instituts für Optionale Studien wurden zwischenzeitlich in anliegende Gebäude wie die Weststadttürme ausgelagert.
So vor kurzem auch der Gemeinschaftsraum der Fachschaft 1b für Geschichte, Philosophie und Theologie, der vor allem für eine fachgerechte Beratung dienen soll. Fachschaftlerin Richardt beklagt: „Mit der Auflösung unserer Räumlichkeiten (Anm. d. Red.: R11, Campus Essen) ging nicht nur ein wichtiger Arbeitsraum für Fachschaftsrat und Studierende verloren, auch jegliche studentische Kultur ist mit diesem Tag erschwert und an den ‚Campusrand‘ gedrängt worden.“ Man fühle sich in der Arbeit behindert. Der Hauptcampus, wo die Mehrzahl der Veranstaltungen stattfindet, liegt etwa 800 Meter entfernt. Einziger Lichtblick: Die institutsbetriebene „Theo-Werkstatt“ der Katholischen und Evangelischen Theologie, die von der Fachschaft gebucht werden könne und „eine ruhige Atmosphäre zwischen Fachliteratur und Kaffeemaschine“ ermögliche.

Kritik an den eigenen Räumlichkeiten äußert auch der AStA. So befinde sich der AStA-Keller in Duisburg in einem „ramponierten Zustand“. Zudem würde dort immer wieder Sperrmüll abgestellt werden. „Reaktionen – geschweige denn tatsächliche Baumaßnahmen – erwarten wir schon kaum noch“, erklären die Vorsitzenden Lamprecht und Kühnemann. Sie kritisieren, dass ihnen „auch bei Projekten, die die Aufenthaltsqualität der Uni massiv erhöhen würden, wie Nextbike-Stationen auf dem Campus oder Trinkwasserspendern […] massiv Steine in den Weg gelegt“ werden.

Pendeln oder Bleibe-Uni?

Für eine grundsätzliche Besserung wünschen sich die beiden AStA-Vorsitzenden den flächendeckenden Ausbau des WLANs und Möglichkeiten, die Räumlichkeiten der Universität neben Lehrveranstaltungen auch von Lerngruppen und für ehrenamtliches Engagement nutzen zu können. Hierfür benötigt es bisher Raumbuchungen. Spontane Lerntreffen sind somit nur in der überfüllten Bibliothek möglich.

Damit aus der Pendel- eine Bleibe-Universität werden kann, sieht der AStA auch die Universität in der Pflicht: „Eine echte Bleibe-Universität, wie wir sie uns wünschen, hat nicht nur eine bauliche, sondern auch eine kulturelle, ökologische und soziale Dimension“. Bisher engagieren sich vor allem Studierende im Projekt „Campusgarten“ und verschönern mit Blumen und Radieschen die Campusse.