„Versprochen ist versprochen!“

Constantin, Andi und Jana freuen sich über den neuen Spendenrekord von 1000 Euro. (Foto: BRIT)

Der Essener Campus wäre ohne ihn wie die Uni Mensa ohne Pizza- und Pasta-Station. Andre Brieux — er besteht auf Andi — ist zweifellos ein Uni-Liebling. Seit sechs Jahren sammelt der Rentner auf dem Campus Pfandflaschen. Der Erlös kommt auch in diesem Jahr wieder dem Winter-Spielplatz in Essen-Schonnebeck zugute. Akduell begleitete ihn am Zahltag.

Es ist 13:45 Uhr an einem Sonntagmittag, als Andi den Fernseher ausschaltet und die Tür seiner kleinen Wohnung nahe des Essener Campus hinter sich zuzieht. Mit steifen Knien steigt er die Treppe hinunter. Einen Führerschein besitzt er nicht. „Um das nachzuholen, bin ich mit 70 Jahren auch zu alt“, sagt Andi. Einkäufe oder seine täglichen Campusbesuche erledigt er mit dem Rad. „Dadurch bleib ich wenigstens körperlich fit“, ergänzt er. Heute geht er zu Fuß, denn es ist ein besonderer Tag für ihn. Und Aufbrüche in besondere Tage beginnen nicht selten mit Fußmärschen.

Sichtlich nervös reibt er sich die Hände, rückt seine fleckenfreie Rot-Weiß-Essen-Mütze zurecht. Darunter blitzt sein weißes, stoppeliges Haar hervor. Geschlafen hat er kaum. Gegen Mitternacht stieg er sogar noch mal auf sein Rad, fuhr durch die Innenstadt, um die letzten Pfandflaschen einzusammeln. „Ich hatte Angst, dass ich mein Versprechen nicht einhalten kann und den Rekord nicht knacke.“

Heute ist es endlich soweit und er wird die vielen orangefarbenen Geldscheine los. Die Uni-Bibliothek ist nur ein Zwischenstopp für ihn. Obwohl er 15 Minuten zu früh und somit überpünktlich ist, tut sich ein flaues Gefühl in seiner Magengrube auf. Drei Tage zuvor hatte er seinen „besten Helfer” Constantin Schipp eingeladen, ihn an diesem besonderen Tag zu begleiten. Als der 29-jährige Betriebswirtschaftsstudent um die Ecke kommt, verschwindet die Anspannung zwischen seinen Brauen und sein Gesichtsausdruck verwandelt sich in ein erleichtertes Grinsen.

„Ich bin so happy, dass du hier bist“, bedankt sich Andi bei seinem Unterstützer. Gemeinsam mit Jana Hoffmann, 22, die im Auto auf beide wartet, ist Constantin ehrenamtlich in der Fachschaft für Wirtschaftswissenschaften tätig. „Als wir gehört haben, dass Andi am Campus Pfand für soziale Projekte sammelt, wollten wir ihm helfen“, sagt der Student. Mittlerweile ist es so etwas wie eine Institution für sie geworden, die Flaschen von Veranstaltungen in die Fachschaftsräume für ihn zurückzulegen. „Den Titel des besten Helfers trägt Constantin, weil er mir letztens 46 Dosen gegeben hat“, sagt Andi.

Auf der Fahrt zur Christus Kirche, wo der Saisonstart des Winter-Spiel-Platzes gefeiert wird, versuchen die drei sich die Summe in Leergut vorzustellen. 1000 Euro ist viel. 100 Euro mehr als im vergangenen Jahr. Für diesen Wert musste Andi jeden Nachmittag alle Müllkörbe am Campus abfahren. In Dosen wäre das vielleicht – etwas optimistisch – eine Menge, die, gestapelt, womöglich der Höhe des bunten Uni-Turms in Essen gleichen würde.

Showtime

Als er in die Gemeinde tritt, stürzt David Glaubitz auf ihn zu. Man kennt sich hier. „Unser Projekt ist nur durch Menschen wie Andi möglich“, erklärt der 35-jährige Leiter des Winter-Spielplatzes. Abgesehen von einer Aushilfe auf 400 Euro Basis wird dieser ausschließlich von Ehrenamtler*innen und Spenden getragen.

Nach einem Handshake-Dauerlauf wie man ihn nur von Delegiert*innentreffen oder Sportveranstaltungen kennt, wird Andi auf die Bühne gerufen. Mühselig kämpft er sich durch die Traube von Kindern und Spielsachen, für die er das Pfand sammelte.

„Versprochen ist Versprochen! Natürlich habe ich die 1000 Euro in diesem Jahr durch die ganze Hilfe von den Studierenden geschafft“, sagt Andi als er den Projektleiter*innen den Spendenschein überreicht. Nach dem Applaus klopft Jana ihm stolz auf die Schulter und sagt: „Wenn 2018 alle Fachschaften mithelfen, schaffst du wieder 100 Euro mehr.“ Andi nickt zwar grinsend und zustimmend, sein Blick wirkt aber eher skeptisch: „Bloß keinen Druck aufbauen, liebe Jana. Wobei ich mich darüber natürlich sehr freuen würde.“