Akademischer Mittelbau: Befristet und überlastet

Viele Beschäftigte des akademischen Mittelbaus ärgern sich nicht nur
über befristete Verträge – sie sind auch chronisch überlastet. (Foto: caro)

Den Großteil des wissenschaftlichen Personals an Hochschulen bildet der sogenannte Mittelbau. Doch wer eine wissenschaftliche Karriere anstrebt, ist nicht selten überlastet und muss bis Anfang 40 zittern, ob er*sie auch dauerhaft in dem Beruf arbeiten darf. Das Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss) fordert eine Reform des akademischen Betriebs.

„Viele meiner Kollegen sind überarbeitet. Arbeiten am Wochenende ist für die meisten keine Ausnahme, sondern die Regel. Trotzdem gefällt den meisten die Arbeit an der Uni, gerade die Lehre, sehr gut“, beschreibt Annika*, Promotionsstudentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Geisteswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen (UDE), die Situation im Kollegium. Sie selbst habe Glück, weil sie durch ihre Qualifikationsstelle nur eine „niedrige Lehrverpflichtung“ habe. Wenn auch nicht vertraglich vorgeschrieben, verpflichte sie sich dennoch neben der Promotion zu weiteren Aufgaben: „Aktuell organisiere ich mehrere Veranstaltungen, bin Herausgeberin, bereite Vorträge und Artikel vor und koordiniere Workshops zu ganz unterschiedlichen Themen. Da muss man sich die Zeit, um in Ruhe und produktiv an der Dissertation zu arbeiten, schon wirklich aktiv freischaufeln.“

Laut Statistischem Bundesamt fielen 2016 in die Gruppe des akademischen Mittelbaus 75 Prozent des hauptberuflichen Personals an Hochschulen. An der UDE sind es 1.355 von insgesamt 3.584 wissenschaftlich Beschäftigten (Stand: 31.12.2016). 78 Prozent von ihnen sind befristet angestellt. Da aber nicht öffentlich bekannt sei, so Pressesprecherin Beate Kostka, wie viele Personen im Fachbereich Medizin befristete Verträge haben, dürfte diese Zahl noch höher ausfallen. Damit zeigt sich ein typisches Bild: Denn abgesehen von Professuren werden kaum Stellen angeboten, die eine dauerhafte Anstellung vorsehen. Ob die Praxis, Lehrpersonal allein für den Zeitraum der Vorlesungszeit, nicht aber für die vorlesungsfreie Zeit, zu beschäftigen auch an der UDE angewendet werde, wisse die Pressestelle nicht.

Befristet in die Unsicherheit

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung erklärt zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz auf seiner Homepage: „Befristungen in der Phase der Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses sind sinnvoll und notwendig, weil nur so die Chancen des wissenschaftlichen Nachwuchses jeder Generation gewahrt werden können, für eine begrenzte Zeit im Hochschul- oder Forschungsbereich tätig zu sein (Rotationsprinzip).“ Die Zeitspanne zwischen Studium und möglicher Professur vergrößert sich aber durch immer wieder befristete Verträge so sehr, dass der wissenschaftliche Nachwuchs im Durchschnitt erst mit Anfang 40 weiß, ob ein dauerhafter Verbleib im akademischen Betrieb überhaupt möglich ist.

Diese Ausgangslage führt zu Unsicherheit und wirkt sich zudem auf die Gesundheit aus, wie eine Studie der Max-Traeger-Stiftung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) belegt, die im Oktober 2017 vorgestellt wurde. So heißt es auf der Homepage der GEW: „Zentrale Belastungsfaktoren für die Gesundheit im Akademischen Mittelbau sind die zeitliche Befristung des Arbeitsverhältnisses und die daraus resultierende berufliche Unsicherheit, die zeitlichen Anforderungen, die mit Mehrarbeit kompensiert werden, sowie die Vereinbarkeit von Familien- beziehungsweise Privatleben und Beruf.“ Zwar sei Annika mit ihrer Stelle sehr zufrieden, trotzdem „könnte noch klarer gemacht werden, was man in der Promotionsphase neben der Promotion eigentlich alles leisten sollte“. Sie kritisiert, dass „bei anderen Stellen die Lehrverpflichtung viel zu hoch und die Kurse viel zu voll“ seien. Der Mangel an Lehrpersonal führe zur Überlastung und Überstunden am Wochenende. Auch in Seminaren hören Studierende immer wieder von den Mehraufgaben und zusätzlichen Verpflichtungen der Lehrenden. Die Beantwortung von E-Mails bis spät in der Nacht oder in den frühen Morgenstunden oder auch Vollzeitarbeitende bei halber Stelle sind keine Seltenheit. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Zum Verhältnis von Arbeitsaufwand und Vergütung meint Annika: „Ich bin mehr als glücklich, habe allerdings auch nicht, wie viele Promovierende, eine Familie zu versorgen und brauche grundsätzlich nicht viel Geld.“ Für sie sei es Luxus, „für das Forschen bezahlt zu werden“ und die flexiblen Arbeitszeiten würden ihr immerhin ermöglichen, dann zu arbeiten, wann sie möchte.

Für eine bessere Arbeitssituation

An der UDE beschäftige man sich „seit Jahren und in unterschiedlichen Zusammenhängen mit der Ausgestaltung fairer, transparenter und verlässlicher Beschäftigungsbedingungen für ihre Beschäftigten“, erläutert Pressesprecherin Kostka. Die „Leitlinien für die Gestaltung befristeter Beschäftigungsverhältnisse und Regeln guter Praxis für die Beschäftigten im wissenschaftlichen Mittelbau“ seien Teil hiervon. Darin sind unter anderem regelmäßige Gespräche zu Karriereperspektiven und Weiterbildungsmöglichkeiten vorgesehen.

Um die Lage des akademischen Mittelbaus zu verbessern, setzt sich seit Jahresbeginn auch das in Leipzig gegründete NGAWiss ein. Das fordert unter anderem unbefristete Beschäftigungsverträge nach abgeschlossener Promotion, die Abschaffung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes und die Abschaffung der Lehrstühle zugunsten demokratischer Strukturen an Fachbereichen und Institutionen, in denen „formal gleichberechtigte, unbefristete Positionen/Funktionsstellen” angeboten werden. Auf diese Weise werde eine „nachhaltige wissenschaftliche Arbeit der forschenden, lehrenden und lernenden Individuen” sowie „eine echte und demokratische Qualitätssicherung” ermöglicht, erläutert das Netzwerk in ihrem Forderungskatalog. Eine flächendeckende Grundfinanzierung wird ebenso gefordert.

Denn die Unterfinanzierung der Hochschulen hat zur Folge, dass immer mehr Stellen durch Drittmittel finanziert werden. An der UDE sind das „881,56 Vollzeitäquivalente (VZÄ: rechnerische Vollzeitstellen bei einer gemischten Personalbelegung mit Teilzeitbeschäftigten)“, so Kostka. Eine genaue Personenanzahl lasse sich nicht ermitteln. Weiter erklärt sie: „Sie sind aber kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Sie eröffnen der UDE zusätzliche Handlungsspielräume und unterstützen den Profilierungsprozess in der Forschung.“ Durch die Drittmittelakquise werden die Angestellten der Universität aber nicht nur von anderen als ihrem Arbeitgeber finanziert – sie akquirieren sie oftmals auch selbst.

*Name von der Redaktion geändert