Blasserdünnerjunge macht sein Ausstellung

Absolute Verunsicherung. Jan Böhmermann zwischen Ernst und Satire. (Foto: caro)

Was ist los in Deutschland, was bewegt die Bevölkerung? Jan Böhmermann und die Kölner Produktionsfirma bildundtonfabrik (btf) zeigen in ihrer Ausstellung „Deuscthland“, die am Donnerstag, 23. November, ihre Eröffnung im NRW Forum Düsseldorf feierte, ihren ganz eigenen Blick auf die Gegenwart. Unsicherheit und Skepsis macht sich bei den Besucher*innen breit. Was ist Ernst und was Satire?

Der Andrang ist groß, die Schlange an der Kasse wird immer länger: Alle wollen den neuesten Streich Böhmermanns bestaunen. Ein schneller Blick zum Ausstellungseingang bringt erste Verunsicherung hervor. Eine Passkontrolle im Museum? Ist das schon Teil der Ausstellung? Nachdem Jacken und Taschen an der Garderobe verstaut sind, reihen sich die Deutschen links, die Ausländer*innen rechts des Kontrollhäuschens auf. Spätestens hier heißt es: Handys und sonstige Technikwunder müssen abgegeben werden. Das gilt auch für die Presse. Ein Widerspruch, wo sich Böhmermann in der Vergangenheit bereits stark für die Freiheit der Kunst und Presse einsetzte. Dafür bekommt jede*r einen kreisförmigen Aufkleber. Die Deutschen tragen pink, die Ausländer*innen grün. Statt zu hinterfragen, macht jede*r mit. Böhmermann und die btf spielen mit Irritation á la „Der sieht doch gar nicht aus wie ein Deutscher“ und halten Pegida-Anhänger*innen und Co. so den Spiegel vor die immer wieder abgespulte Forderung „Ausländer raus!“.

„Das hätte er sich sparen können“

Die Exponate der Ausstellung reichen von einer Papiernotiz über eine Deutschland-Feedbackhotline bis hin zur Präsentation des Wanderoutfits Angela Merkels. Und mittendrin ein rechtsfreier Raum. Hier wird im Detail noch mal die Diskussion rund um Böhmermanns Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zelebriert. Zeitungsartikel, die Rede Detlef Seifs (CDU) im Bundestag, in der aus dem Schmähgedicht zitiert und die Internetseite des Landgerichts Hamburg erinnern an die Staatskrise von 2016. Letztere zeigt eine Pressemitteilung zum einstweiligen Verfügungsverfahren gegen Böhmermann. Der Witz: Eine angehängte PDF bildet das Gedicht im Original ab und die Justiz wird kurzerhand selbst zur Verbreiterin der Zeilen, die sie mittlerweile verboten hat. Aber nicht bei jeder*m stößt dieser Teil der Ausstellung auf Begeisterung. So äußert sich ein Besucher: „Das mit der Schmähkritik ist schon so durchgekaut. Das hätte er sich sparen können.“

Neben tief gehender Gesellschaftskritik findet sich in der Diversität der Ausstellungsstücke auch immer wieder leichter Humor. Von drei Telefonen der Feedbackhotline funktionieren nur zwei. Immerhin: „Der Techniker ist informiert“. So steht es zumindest auf Papier. Und wer den Hörer abnimmt, wird in die Alltagsfreuden versetzt, die aufblühen, wenn man sich durch das Kundenservice-Menü von o² und Konsort*innen quält. Wer mit moderner Kunst nichts anfangen kann und meint „Das kann ich auch selbst“, mag sich beim Anblick der auf dem Boden verstreuten und bemalten DIN A4-Zettel bestätigt fühlen. Das eigene künstlerische Talent darf daher auch direkt unter Beweis gestellt werden. Blätter und Stifte stehen zur Verfügung. So finden sich auch schon Zitate berühmter Persönlichkeiten: „Man sieht nur mit dem Herzen gut – das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar – Heidi Klum“.

Meinung mit Gesicht

Selbst mitmachen, aktiv werden, erleben – dieses Motto zieht sich durch die gesamte Ausstellung. So auch beim Diskursautomat. Hier heißt es: Du entscheidest – aber entscheid’ dich richtig, denn widerrufen ist nicht drin. In vier Einzelkabinen werden Besucher*innen aufgefordert, ihre Meinung kund zu tun. Israel oder Palästina, Familie oder Karriere, Ost oder West, schuldig oder unschuldig. Wer den jeweiligen Knopf drückt, wird fotografiert und inklusive eigener Meinung bei Twitter veröffentlicht. Böhmermann und die btf nehmen den Besucher*innen die Anonymität. Statt oftmals versteckt in sozialen Medien, soll hier zur eigenen Meinung gestanden werden. Wer ist dazu bereit und inwiefern wirkt sich Anonymität auf unser Mitteilungsbedürfnis beziehungsweise unsere Meinungsfreiheit aus? Macht uns das Nicht-anonym-sein womöglich unfrei? Oder ist das hier eh alles nur Spaß?

„Was ganz nett ist und bestimmt auch gewollt: man weiß die ganze Zeit nicht, wann ärgert er einen, wann ist es die Wahrheit. Diese Faktenverdrehung funktioniert halt total, dass man bei allem skeptisch ist“, resümiert eine Besucherin. Im Falle des Diskursautomaten sei gesagt: kein Fake, alles echt. Vorteilhaft von unten fotografiert finden sich die Besucher*innen auf dem Twitteraccount der Ausstellung wieder. Wahrscheinlich hat das nicht jede*r erwartet, sondern trotz Aufklärung als Scherz abgetan. Somit drängt sich die Frage nach dem Umgang mit persönlichen Daten auf und ob trotz des Informationsschreibens den jeweiligen Personen bewusst ist, worauf sie sich einlassen. Wie auch in der Vergangenheit in Böhmermanns Sendung Neo Magazin Royale zeigen er und die Kolleg*innen auch hier, wie leichtsinnig Menschen mit ihren Daten umgehen. Öffentliche Facebook-Profile sind da nur der Anfang.

Fans und Skeptiker*innen

Die überschaubare Ausstellung lässt sich zwar gemütlich durchschlendern, hakt aber an zwei Punkten, wo sich in tugendhafter Geduld geübt werden muss. Sowohl bei der Feedbackhotline als auch beim Virtual Reality-Erlebnis in der Fahrattraktion des Themenparks „Reichspark“ bilden sich längere Schlangen. Nicht wenige Personen verzichten deshalb zumindest auf die „Reise in Deutschlands Vergangenheit“.

Unter den Besucher*innen finden sich wahre Fans des Satirikers, aber auch viele, die durch reine Neugier den Weg nach Düsseldorf fanden. Sehr unterschiedlich fallen ihre Resümees aus. Der Skeptiker: „Ich weiß nicht so ganz, was mir die Ausstellung sagt.“ Der Enttäuschte: „Es war ein bisschen wenig. Sicher auch interessante Ideen, aber auch nichts Neues, was man nicht schon kannte.“ Der Zufriedene: „Es war einfach dadurch interessant, dass man gar keine Vorstellung hatte, was einen erwartet.“


Vormerken
Christoph Bieber, Professor für Ethik in Politikmanagement und Gesellschaft an der Universität Duisburg-Essen, wird im Rahmen der Ausstellung über Jan Böhmermann referieren:

„#ADA – Akademie der Avantgarde: Geh Failen. Zum politischen Humor des Jan Böhmermann.“

Wann? 19. Januar 2018, 18 Uhr, Eintritt frei