Dem Braunkohle-Weltmeister Druck machen

„Revolution Not Pollution“ fordern Umweltaktivist*innen auf der internationalen Großdemo. (Fotos: dpe)

Im rheinischen Braunkohlerevier in Nordrhein-Westfalen bauen die Schaufelradbagger des Energieriesen RWE Braunkohle ab, um Strom zu produzieren. In der Folge verschärft sich der Klimawandel, Deutschland gilt als „Braunkohle-Weltmeister“ und bläst mit die meisten CO2-Abgase in die Luft. Vom 6. bis zum 17. November findet in Bonn, in direkter Nähe zum Abbau-Gebiet die UN-Klimakonferenz statt, was am Samstag, am 4. November, für internationale Umweltaktivist*innen eine willkommene Gelegenheit war für den Ausstieg aus der Braunkohle zu demonstrieren.

So international wie die Aktivist*innen, so vielfältig waren auch ihre Protestaktionen. Rund 25.000 Menschen demonstrierten am Samstagmittag durch Bonn. Viele von ihnen kommen aus direkt betroffenen Gegenden, wie etwa den Fidschi-Inseln, die auch die Präsidentschaft der diesjährigen Klimakonferenz übernommen haben, aber auch aus Pakistan, Senegal, den USA, Frankreich und den Philippinen. In der Vergangenheit an Bekanntheit gewonnen haben die Pacific Climate Warriors, die einen Zusammenschluss von Umwelt-Aktivist*innen aus dem pazifischen Raum bilden. „Wir fordern, den Ausbau fossiler Energie jetzt zu stoppen“, sagte George Nacewa von den Pacific Climate Warriors dem ZDF am Samstag auf der Großdemonstration.

Die Kohle stecken lassen

Hinter seiner Forderung stehen auch viele tausend andere Aktivist*innen, die demonstrierend durch die Innenstadt gezogen sind. Im Fokus vieler deutscher Organisationen sind vor allem die aktuellen Sondierungen zu einer möglichen Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen. Als am Mittag bei der Auftaktkundgebung Hubert Weiger, der Vorsitzende der Umwelt-Organisation BUND spricht, formuliert er einen klaren Anspruch an die Grünen, die auch bei der Demonstration anwesend waren: „Wir fordern von den Grünen, dass der Kohleausstieg die ‚rote Linie‘ ist, die wir nicht überschreiten dürfen.“

Hubert Weiger (BUND) appelliert bei der Auftaktkundgebung vor den rund 25.000 Menschen an die Grünen.

Während er spricht, sind in seinem direkten Blickfeld viele Transparente zu sehen und ein riesiger Erdball aus Kunststoff, aus dem Kohlekraftwerke herausragen, die CO2 ausstoßen. Das tiefschwarze Kohlenstoffdioxid nimmt die Form und das Gesicht von Angela Merkel an. Unmissverständlich wird neben Donald Trump auch sie oftmals erwähnt, wenn es um die Einhaltung der Klimaschutzziele geht: „Raus aus der Kohle, Frau Merkel“, schreit die Erde symbolisch. Während viele deutsche Demonstrationsteilnehmer*innen eher weniger für dynamische Aktionen sorgen, haben insbesondere französische und belgische Aktivist*innen auf der Demo ordentlich Bewegung geschaffen. „End Coal Now“, „Keep it in the Ground“ oder „Auf geht’s, ab geht’s, Ende Gelände“ rufen sie abwechselnd.

Ungewisse Zukunft

Viele von ihnen stehen dem Bündnis Ende Gelände nah, das den Sonntag damit verbracht hat, rund 4.500 Aktivist*innen dazu zu motivieren den Kohleausstieg selbst zu machen. Sie tun es „mit unseren Körpern und Mitteln des zivilen Ungehorsams“, was konkret bedeutet: Ab in die Grube im rheinischen Tagebau Hambach und Bagger besetzen, damit tatsächlich weniger CO2 ausgestoßen wird. Schon im August hatte das Bündnis das Braunkohlerevier besucht und dort massenhaft die Zufahrtswege von Zügen zu den Kraftwerken blockiert. Wie zu erwarten war kam es am Sonntag dann auch zu Zusammenstößen mit der Polizei, die Aktivist*innen allerdings umschifften mehrfach die Polizeiketten, um in die Grube zu kommen.

Dabei hat die Polizei auch Pfefferspray auf eine friedliche Sitzblockade gesprüht. Auf dem Twitter-Account von Ende Gelände heißt es dazu: „Unverhältnismäßig und eskalierend“. Die Aachener Polizeistelle kündigte an, den Einsatz aufzuarbeiten. Für viele Aktivist*innen war es dennoch ein guter Tag, wie Fotojournalist Tim Wagner berichtet: „Die meisten Aktivisten mit denen ich sprach, gingen mit einem anderen Eindruck aus der Grube und waren glücklich über den Verlauf“. Die Mehrheit der Beamt*innen habe sich der von Aachens Polizeipräsident Dirk Weinspach vorgegebenen Linie der Deeskalation angeschlossen.

Auch wenn die Aktivist*innen mit den Bildern zufrieden waren: Dass die Zukunft der Braunkohle mit den Aktionen ein Ende findet, ist unwahrscheinlich. Denn die beteiligten Industrienationen, die das Pariser Klimaschutzabkommen im Jahr 2015 unterschrieben hatten, machen derzeit keine Anstalten aus Verbrennungsmotoren, Braunkohle und anderen Klimakillern auszusteigen. Das ist vor allem für die maßgeblich betroffenen Ländern eine Katastrophe, denn sie hätten den Kohleausstieg bitter nötig.