„Der Workload in der Uni ist zu hoch“

Immer mehr Studierende lassen ihre Haus- und Abschlussarbeiten für sich schreiben. (Foto: fro)

Ghostwriter*innen haben sich in den vergangenen Jahren einen lukrativen Job geschaffen. Immer mehr Studierende geben Haus- und Abschlussarbeiten in Auftrag, statt sie selbstständig zu schreiben. Allein die Ghostwriting-Agentur Acad-Write schrieb im Jahr 2015 200 Arbeiten für ihre Auftraggeber*innen – und lässt sich bis zu fünfstellige Summen auszahlen. akduell-Redakteur Philipp Frohn sprach mit dem Studenten Dieter K.* darüber, warum er einen Ghostwriter beauftragen würde.

akduell: Warum würdest du die Arbeit nicht einfach selbst schreiben?

Dieter K.: Ein normaler Vollzeitstudierender hat um die zehn Seminare pro Woche – also 20 Semesterwochenstunden. In jedem muss er einen Text lesen und dazu noch Arbeiten schreiben. Ich glaube, dass das kaum jemand schafft. Zumal die meisten Studierenden – wie ich auch – nebenbei noch arbeiten müssen. Da fehlt natürlich die Zeit und das Schreiben einer Hausarbeit frisst auch immer viel davon. Das Hauptproblem ist, dass der Workload so groß ist und Zeitdruck herrscht.

akduell: Würdest du bis zu mehrere tausend Euro für eine Abschlussarbeit aufbringen können und wärst du überhaupt bereit, so viel zu zahlen?

Dieter K.: Das ist, glaube ich, von Hausarbeit zu Hausarbeit unterschiedlich. Für eine Bachelorarbeit wäre ich schon bereit, um die 800 bis 1.000 Euro hinzulegen. Die soll dann natürlich auch ein gutes Ergebnis erzielen. Das ist sehr teuer, aber man will sich auch keinen Schund ins Haus holen. Qualität hat halt seinen Preis.

akduell: Was hält dich eher davon ab, einen Ghostwriter zu beauftragen? Das Geld oder das schlechte Gewissen, falls du es überhaupt hast?

Dieter K.: Die geldliche Komponente würde mich nicht unbedingt aufhalten. Eher würde mich das schlechte Gewissen plagen. Ein Bachelor- oder Masterabschluss sollte ja schon aus eigenen Leistungen und dem eigenen Gedankengut entspringen.

akduell: Und du hättest keine Angst, aufzufliegen?

Dieter K.: Doch, natürlich. Die Gefahr, erwischt zu werden, ist sehr groß. Vor allem wäre es ärgerlich, das bisherige Studium in den Sand zu setzen. Bei mir wären es vier Jahre, die für die Katz wären. Das wäre ein Spiel mit der Zukunft.

akduell: Laut Pressestelle der UDE liegt die Plagiatszahl bei Haus- und Abschlussarbeiten im niedrigen einstelligen Bereich. Ist das realistisch oder können Studierende einfach gut tricksen?

Dieter K.: Dass die Zahl tatsächlich so niedrig ist wie die Pressestelle angibt, bezweifle ich doch stark. Es wird eine riesige Dunkelziffer geben. Studierende sind ja nicht dumm. Dozenten lassen sich zwar viel einfallen, um diese Vorfälle aufzudecken, doch lassen sich auch Studierende immer neue Tricks einfallen. Wenn ich meine eigene Arbeit mehrmals abgebe, fällt es in der Regel ja niemandem auf und es handelt sich um kein Plagiat.

akduell: Hast du schon mal einen fremden Text abgegeben und wenn ja, warum?

Dieter K.: Das muss ich leider mit einem Ja beantworten. Ich habe einmal eine Arbeit von einem Kommilitonen abgegeben, der so nett war sie mir zu geben. Neben Zeitgründen muss ich auch sagen, dass meine wissenschaftlichen Fähigkeiten eher im mittelmäßigen Bereich liegen. Und der Kollege, der mir die Arbeit zur Verfügung gestellt hat, sehr gute sprachliche Kenntnisse hat und sich durch seine Versiertheit im wissenschaftlichen Arbeiten auszeichnet. Da war ich echt froh, denn dadurch hatte ich eine viel höhere Chance auf eine gute Note. Die sind in unserer Ellbogengesellschaft ja immer sehr wichtig.

akduell: Also denkst du, dass Studierende fremde Texte eher aus Zeitdruck als ihre eigenen ausgeben, als aus Faulheit oder anderen Gründen?

Dieter K.: Das resultiert meiner Meinung nach vor allem daraus, dass der Workload in der Uni schlicht und ergreifend zu hoch ist. Man erwartet sehr viel von Studierenden, gibt ihnen aber sehr wenig dafür. Ein Großteil der Eltern im Ruhrgebiet kann es sich nicht leisten, ihre Kinder voll zu unterstützen. Das heißt, dass viele Studierende mindestens zehn Stunden pro Woche arbeiten müssen, um sich den Lebensunterhalt zu finanzieren. Dazu müssen sie noch um die 40 Textseiten pro Seminar lesen und am Ende Hausarbeiten verfassen, um im schlimmsten Fall nur eine unbenotete Studienleistung verbucht zu bekommen. Das ist natürlich kein ausgeglichenes System.

akduell: Was muss getan werden, damit Studierende nicht auf die Leistungen anderer zurückgreifen?

Dieter K.: Damit Studierende nicht mehr auf fremde Texte zurückgreifen und diese als ihre eigenen verkaufen, muss die Universität studentenfreundlicher werden. Sie muss dafür sorgen, dass ihre Systeme flexibilisiert werden und dass sie Studierenden auch zeitlich ermöglicht, nebenbei arbeiten zu gehen. Das Studium muss der Realität angepasst werden. Bei mir ist es häufig so, dass ich morgens sechs Stunden arbeiten gehe und anschließend noch mal sechs Stunden in die Uni gehe. Und irgendwann ist es einfach zu viel. Dann will man einfach nicht mehr.

Gerade bei Lehramtsstudierenden gibt es ein Problem: Man hat das Referendariat um ein halbes Jahr verkürzt und dies im Rahmen des Studiums verlagert – die Phase nennt sich Praxissemester. Eigentlich handelt es sich dabei um eine sinnvolle Sache, da man früher Erfahrungen in der Lehrtätigkeit sammelt. Aber was die schlauen Leute, die das Lehramtsstudium dahingehend geändert haben, nicht bedacht haben, ist, dass man im Referendariat Geld verdient und nicht auf einen Nebenjob angewiesen ist. Währenddessen bekommen Studierende im Praxissemester kein Geld, obwohl sie zum Teil das gleiche leisten wie Referendare. Hinzu kommt, dass viele parallel zum Praxissemester arbeiten müssen. Das ist unausgewogen. Meiner Meinung nach sollte die Uni ihre Anforderungen etwas herunterschrauben. Dazu sollte es mehr Bezuschussungen und Stipendien geben, sodass Studierende wirklich entlastet werden.

* Name von der Redaktion geändert