„Ein kulinarisches Abbild von Marxloh aus Kindersicht“

Frauke Frech bei der Tauschbar vom Verein Tausche Bildung für Wohnen in Duisburg-Marxloh. (Foto: Angelika Wieschollek)

Man nehme eine Gruppe Kinder aus einem Stadtteil, füge eine Künstlerin hinzu sowie eine große Portion Vereinsengagement – et voilá, heraus kommt ein besonderes Kochbuch! Zunächst muss das Projekt jedoch ein wenig ruhen und auf die Crowdfunding-Finanzierung warten – erst nach dem 30. November geht es in den Ofen, beziehungsweise in den Druck. Die hungrigen Leser*innen erwartet ein aromatisches Potpourri von Rezepten aus Afghanistan, der Türkei, Syrien, Bulgarien, Deutschland, Ghana und vielen weiteren Ländern.

Frauke Frech ist Künstlerin und kam 2016 das erste Mal nach Marxloh, um an ihrem Projekt ‚Mein ganz privates Deutschland‘ weiterzuarbeiten, für welches sie seit 2013 Lebensgeschichten sammelt. Duisburg-Marxloh war ihre vorerst letzte Station und vor Ort kam sie mit dem Verein Tausche Bildung für Wohnen in Kontakt. „Das Ganze kam durch das Zusammenspiel von der Frage nach ‚Was ist Armut und was ist Reichtum?‘. Aufmerksam wurde ich auf Marxloh durch den Besuch der Kanzlerin und habe mich dann auch damit befasst, was es eigentlich bedeutet, gesamtgesellschaftlich Verantwortung zu übernehmen und was das auch im Bildungskontext heißt“, fasst Frech ihren Ausgangspunkt zusammen.

2016 startete das Projekt. Es wurde ein Garten hinter dem Vereinshaus angelegt, Frech knüpfte weiter Kontakte: „Ich wollte versuchen, Menschen aus einer naheliegenden Kleingartenanlage einzuladen, etwas von ihrem Wissen über die Natur und wie man Pflanzen anbaut und pflegt an die Kinder weiterzugeben.“ Durch Aushänge in Schulen wurde auf das Projekt aufmerksam gemacht, schließlich beteiligten sich rund 25 Kinder im Vorschulalter bis hin zu jungen Teenagern. 2017 stand in den Osterferien das Säen und Pflanzen an, während der Sommerferien wurde geerntet und Rezeptsammlungen angelegt. Es folgte das gemeinsame Kochen der Ausbeute und bald soll das Kochbuch Mmmhh Marxloh – Leckereien vom Mekka am Rhein erscheinen, das neben der Projektdokumentation auch eine Geschichte vom 15-jährigen Edrees aus Afghanistan und 19 Kochrezepte enthalten wird.

Welche Zutaten braucht Inklusion?

Die Auswahl wurde laut Frech durch Saatgutspender*innen bereitgestellt. Dementsprechend wurden die Hochbeete und Flächen angepasst und bestückt. „Nachher muss man schon auch gestehen: Man fängt die Gartenarbeit an, aber es geht auch das ein oder andere schief. Es war auch für die Garten AG die erste Saison. Es ist nicht alles gediehen“, fasst Frech die Hochs und Tiefs lachend zusammen.

Geerntet werden konnten schließlich Kartoffeln, Zwiebeln, Mangold und Tomaten. Manche Zutaten wurden hinzu gekauft. Das Wichtige sei jedoch gewesen, dass die Kinder erleben, wie aus einem Saatkorn eine Pflanze und daraus ein Gericht wird. „Andererseits ging es um die Dokumentation, die Food-Fotografie, dann auch selbst zu zeichnen, kurze Texte zu schreiben. Quasi kindgerecht diese ganzen Aufgaben – die so ein Buch machen mit sich bringt – an sie heranzuführen, nachher zu Layouten und für jedermann, für jede Frau, so ein kulinarisches Abbild von Marxloh aus Kindersicht herauszubringen“, erläutert Frech.
Von den Kindern habe sie gelernt, dass im gemeinsamen Spiel eine universell verständliche Sprache liege: „Und dass auch in dieser Ausgelassenheit ganz schnell Vorbehalte vergessen sind – nicht unbedingt meine Vorbehalte, aber auch das, was sich zwischen den verschiedenen Gruppen aufgebaut hat.“ Die Vielfalt an Lebensentwürfen und ihr Nebeneinander, das hat sie zu schätzen gelernt – aber auch die Notwendigkeit, manchmal Grenzen aufzuzeigen.

Gärtnern, Fotografieren, Kochen, Texte schreiben – durch das Projekt konnten die Kinder einiges ausprobieren. Doch durch die Zusammenarbeit mit der Künstlerin ist vielleicht noch mehr in ihren Köpfen passiert: „Ich glaube, dass ich ihnen ein Vorbild sein konnte im Hinblick darauf, dass ich als Frau ein selbstbestimmtes Leben lebe und da auch meinen Visionen ganz treu bin. Und das ist natürlich nicht unbedingt ein Frauenbild, was ihnen alle Nase lang im Alltag entgegenläuft. Das sind ja eher so ganz geregelte Bahnen: Heiraten, ordentlichen Beruf lernen, Familie“, so Frech. Sie hofft, dass die Kinder die (Un)Ausweichlichkeit ihres eigenen Werdegangs hinterfragen – „wenn ich das wenigstens bei einem Kind erreicht habe, dann bin ich erfolgreich gewesen.“

Mehr Möglichkeiten, Förderung und neue Perspektiven – dafür setzt sich auch der Verein Tausche Bildung für Wohnen ein. „Ziel des Vereins ist es, Kindern – mehrheitlich mit Migrationshintergrund und zunehmend mit Fluchtgeschichte – ein verlässlicher Partner in der Bewältigung schulischer, sprachlicher, familiärer und gesellschaftlicher Herausforderungen zu sein“, erläutert Vorstandsassistent René Krüger. Er hat selbst beim Projekt tatkräftig geholfen: „Hochbeete und Kräutertreppe mitgebaut, Setzlinge eingepflanzt, geerntet und für die Kinder und das Team gekocht.

Durch den Verein können sich junge Menschen als Bildungspat*innen um Kinder aus dem Stadtteil kümmern und im Gegenzug dort kostenlos wohnen. Die Kinder können die TauschBar und das Stadtteilkinderzimmer besuchen, wo sie betreut spielen und lernen. „Marxloh wird häufig entweder dämonisiert oder schöngefärbt. Wir bemühen uns, einen differenzierten Blick auf Marxloh zu werfen, das heißt die Probleme nicht wegzureden, aber eben auch auf die positiven Seiten hinzuweisen“, so Krüger. Das fange für ihn schon bei der Sprache an. Deshalb verwendet der Verein nicht den Begriff sozial benachteiligte Kinder, sondern redet von benachteiligten Kindern: „Wie wir täglich erleben, sind die Kinder im Stadtteil sozial hochkompetent. Teilweise sprechen sie mehrere Sprachen oder haben mindestens die Anlage und das Potenzial dazu.“

Das Kochbuch wird voraussichtlich bis Weihnachten fertig sein. Weitere gemeinsame Projekte der Künstlerin und des Vereins sind in der Planung: „Wir wollen jetzt erstmal bis Anfang des nächsten Jahres schauen, was so die Ideen und Bedürfnisse sind. Was der Garten braucht und was die Kinder an Feedback gegeben haben“, so Frech.