Ein Zug namens Anne Frank

Darf ein Zug des Nachfolgers der Reichsbahn nach Anne Frank benannt werden? (Foto: caro)

Die Kombination aus Schienen, Zügen und dem Namen Anne Frank ruft bei vielen Leuten Erinnerungen und Bilder an die Deportation der jüdischen Menschen und den Holocaust hervor. Die Deutsche Bahn (DB) aber scheint sich gedacht zu haben, hiermit lasse sich gut der neue ICE 4 vermarkten.

„Es gab ja kein Klo, es gab nur ein großes Fass, wo die Notdurft verrichtet werden konnte, sonst gar nichts. Die Menschen, total verhungert, verfroren bis zum Tod hinaus, [haben] lamentiert, geschrien. Durst, kein Wasser, nichts. Wir konnten … nicht raus schauen,“ beschreibt Franz Rosenbach, Holocaust-Überlebender und stellvertretender Vorsitzender des Bayrischen Landesverbands Deutscher Sinti und Roma seine Deportation von Auschwitz nach Buchenwald in dem Buch „Sonderzüge in den Tod. Die Deportationen mit der Deutschen Reichsbahn“ (2009).

Auch Anne Frank wurde zweimal in den Zügen der Deutschen Reichsbahn deportiert – in die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen. 73 Jahre später soll nun ein ICE der Deutschen Bahn nach ihr benannt und mit ihrem Bild auf der Außenverkleidung des Zuges beschmückt werden. Erwartbar waren die ungläubigen und empörten Reaktionen in der deutschen Gesellschaft, aber auch über die Landesgrenzen hinaus. Denn die DB ist das Ergebnis einer Fusion von der Deutschen Bundesbahn und der Deutschen Reichsbahn. Letztere ermöglichte erst, dass massenweise jüdische Menschen während des Holocausts in ganz Europa in die Vernichtungslager verschleppt und umgebracht werden konnten. Eine Konzerngeschichte, die eine sorgsame Aufarbeitung bis heute erfordert. Mit der geplanten Benennung des ICEs nach Anne Frank ist diese nicht geglückt.

Insgesamt 25 Persönlichkeiten wählte die DB aus den eingereichten Vorschlägen von Bürger*innen aus, die an der Ausschreibung der DB teilnahmen. Dort hieß es unter anderem, man wolle „an Menschen aus Deutschland erinnern, die inspirierend waren“. So weit so gut. Weiter liest sich: „Persönlichkeiten, die gezeigt haben, wie Menschen über Grenzen hinweg friedlich zusammenleben können.“ Dass ausgerechnet jemand, der in ständiger Angst in einem Versteck leben musste, ehe die gesamte Familie von Nationalsozialist*innen verhaftet und in Vernichtungslager deportiert wurde, für ein friedliches Zusammenleben stehen soll, ist nicht zu begreifen.

DB rudert leicht zurück

In einer Pressemitteilung der DB heißt es, man habe das Andenken an Anne Frank nicht schädigen wollen: „Vielmehr hat die DB im Bewusstsein um ihre historische Verantwortung entschieden, die Erinnerung an Anne Frank wachzuhalten.“ Auch wird betont, dass die Namensvorschläge „von DB-Kunden und engagierten Bürgern“ kamen und „Anne Frank unter den Top-Vorschlägen“ war. Ausgewählt und abgesegnet wurde jedoch durch eine Jury, in der unter anderem Antje Neubauer, Leiterin für Marketing & PR, und Susanne Kill, Leiterin Konzerngeschichte der DB AG, sowie Michael Peterson, Vorstand Marketing-Abteilung der DB Fernverkehr AG, saßen. Es verwundert, dass trotz Spezialwissen über die Konzerngeschichte nicht spätestens hier ein Ausschluss erfolgte. Nun wolle man sich mit jüdischen Organisationen beraten und sei bereits in Gesprächen mit dem „Anne Frank Fonds“.

Ohnehin scheint es aber statt um die Persönlichkeiten, um die Vermarktung des Zuges zu gehen. So wird Neubauer auf der DB-Homepage zitiert: „In Verbindung mit dem Namen der historischen deutschen Persönlichkeit bekommt der ICE 4 bei der Ein- und Ausfahrt in den Bahnhof seinen individuellen Auftritt.“ Wenn hinter der Namenswahl auch keine böse Absichten lagen, so hat die DB immerhin ein Ziel erreicht: Aufmerksamkeit für ihr neues innovatives Technikfahrwerk zu schaffen.