Gefühlte (Un)Sicherheit und reale Bedrohungssituation

Die Wayguard-App herunterladen – und dann sicher sein? So einfach ist es leider nicht. (Fotos: lenz)

Kann man sich davor schützen, Opfer von Gewalt im öffentlichen Raum zu werden? Oder ist es nur möglich, einen Umgang mit der eigenen Angst zu finden? Die Wayguard-App wirbt damit, vom Android Mag 2016 als beste App im Bereich Sicherheit ausgezeichnet worden zu sein und soll Frauen*, Männern* und Kindern gleichermaßen helfen – wir haben sie getestet.

Eine enge Gasse, Dunkelheit – nur kurz unterbrochen von flackernden Laternen. Ein zugewucherter Park, nicht einsehbar von der angrenzenden Straße. Ein schwach beleuchtetes, ausgestorben wirkendes Parkhaus. Ein wenig frequentierter, versteckter Weg zum Hauptbahnhof. Und plötzlich taucht ein Schatten auf, bricht ein Zweig, erscheint eine Gestalt, kommt eine angetrunkene Menschengruppe um die Ecke. Es gibt viele Szenarien wie diese, die bereits in der Vorstellung Ängste auslösen können. Vermittelt werden solche Bilder durch Filme, Erzählungen und Bücher – jede*r ergänzt sie um die eigenen Erfahrungen. Doch wie kann man mit dieser Angst umgehen? Welche Möglichkeiten gibt es, sich zu schützen?

Virtueller Wegbegleiter

Mehr Sicherheit, das verspricht mir die Way-guard-App. Nach der Installation noch kurz angemeldet, eine weitere Person zur Anmeldung überredet, damit sie mich virtuell begleiten kann, das einführende Tutorial durchgespielt – und los gehts! Die Wayguard-App funktioniert trotz langsamen, gedrosseltem Internet ganz gut und verbraucht auch nicht so viel Strom, wie ich dachte. Es ist ganz witzig, dass man sich selbst beim Herumlaufen auf der Karte sehen kann – ebenso wie die begleitende Person.

Fühle ich mich unsicherer und habe auch den Eindruck, dass ich mich unsicherer bewege. Der Gefahr, die mir jederzeit begegnen könnte, bin ich mir mehr bewusst. Kein tolles Gefühl. Außerdem habe ich Angst, dass ich aus Versehen jemanden anrufen oder den Notruf auslösen könnte – obwohl die App relativ abgesichert zu sein scheint. Vor dem Absenden des Notrufes wird man noch einmal um eine Bestätigung gebeten.

Verminderte Wahrnehmung

Die App beschäftigt mich so sehr, dass ich häufiger als sonst auf mein Smartphone schaue und meine Umgebung unaufmerksamer beobachte – als mir das aufgefallen ist, wächst mein Angstempfinden noch einmal, da eine geschwächte Aufmerksamkeit nicht sehr hilfreich beim Erkennen und Abwehren von Gefahren ist. Als ich die Chatfunktion ausprobieren will, zeigt die Ampel vor mir zwar grün an, ein Auto biegt jedoch nach rechts ab. Ich habe es noch gesehen und es hat auch abgebremst, doch ich war so mit dem Chatten beschäftigt, dass es mir sehr spät aufgefallen ist und ich mich erschreckt habe.

Die Chatfunktion läuft ungefähr so wie WhatsApp. Es ist keine große Umgewöhnung oder Einarbeitung erforderlich. Zum Testen der Anruffunktion telefoniere ich mit meiner Begleitperson. Für sie sieht es aus wie ein ganz normaler Anruf. Als ein wenig besorgniserregend empfindet meine virtuelle Begleitung, dass der Punkt auf der Karte, der meinen Standort verrät, sich manchmal für längere Zeit nicht mehr weiterbewegt. Ob das meinem älteren Smartphone, dem Gerät der anderen Person oder der App geschuldet ist, konnte ich nicht abschließend herausfinden. Laut Begleitperson löst das, zusammen mit dem ab und an fehlgeschlagenen Absenden von Nachrichten, bei dem dann ein rotes Ausrufezeichen erscheint, Sorge aus. Was man auf gar keinen Fall vergessen sollte: nach der Ankunft am Zielort auf „Bin angekommen“ zu drücken – sonst macht sich die Person am anderen Ende der Leitung noch länger als nötig Sorgen. Bei mir ist dies aufgrund zu frühem Ausschalten der mobilen Daten passiert.

Mit ein bisschen mehr Übung und Gewöhnung ist die App sicherlich für ihren Zweck nützlich und brauchbar. Ein einfaches, herkömmliches Telefonat auf dem Weg hätte meiner Meinung nach jedoch in diesem Fall zu weniger Verwirrung geführt und ich hätte mich vermutlich auch sicherer gefühlt. Doch stellen sich noch grundlegendere Fragen als die nach der Funktionalität: Etwa von wem und wo werden die Daten gespeichert? Was wird damit gemacht?
Entwickler der App ist die Versicherung AXA. „Solange du mit dem Team WayGuard verbunden bist (und nur dann), überwachen wir deinen aktuellen Standort. Dazu speichern wir nur deine jeweils aktuelle Position personenbezogen ab. Sobald du dich bewegst, überschreiben wir deinen letzten Standort, so dass wir keine Bewegungen mit dir in Verbindung bringen können. Die Daten werden für den Zeitraum Ihrer Speicherung verschlüsselt“, so ihre Äußerung im FAQ-Bereich zur Datenspeicherung.

Ich hab Polizei

Auf der Seite von WayGuard sowie in der App selbst wird außerdem damit geworben, dass eine Kooperation mit der Polizei NRW bestehe. Das könnte man als Vorteil sehen, schließlich sind somit „Sicherheitsprofis“ am Werk und bei fehlender Begleitperson kann man sich auch vom Team Wayguard auf dem Nachhauseweg unterstützen lassen: sie sind telefonisch erreichbar und man kann auch mit ihnen chatten. Oder aber man fragt sich, ob man sich wirklich die Polizei ins Haus – beziehungsweise ins eigene Telefon – holen möchte.

Das sieht auch der Politikwissenschaftler Bernhard Frevel kritisch: „Spontan bin ich jetzt nicht begeistert. Zum einen denke ich, wir beschränken uns in unseren Freiheiten und machen uns mit solchen Anwendungen immer mehr beobachtbar. Wir erstellen ja auch Bewegungsprofile damit. Ob das sinnvoll ist, weiß ich nicht. Und diese Anwendung signalisiert ja auch dem Anwender ‚Du bist in Gefahr – eigentlich permanent droht dir etwas und deswegen sollst du dich jetzt hiermit schützen‘.“ App-freie Lösungen wie etwa sich tatsächlich von einer anderen Person begleiten zu lassen, hält er für sinnvoller – auch, weil so keine Gespräche in „diesen eigentlich nicht kontrollierbaren Raum“ gebracht würden. „Ich persönlich möchte gar nicht immer von Ortungsdiensten erfasst werden. Junge Leute würden da wahrscheinlich eher darauf abfahren als das mittlere Alter – die sind nicht so gerne vernetzt“, so drückt Anna*, eine Ehrenamtliche vom Weissen Ring, ihre Skepsis aus.

Maria* ist Studentin der Universität Duisburg-Essen und musste Erfahrungen mit Gewalt im öffentlichen Raum machen: „Ich habe verschiedenste Bedrohungsszenarien erlebt: Ich wurde von Neonazis angegriffen, musste mehrere sexuelle Übergriffe im öffentlichen Raum erleben, war Zeugin einer Schlägerei und eines Überfalls auf ein Kino.“ Sie kennt die Wayguard-App aus Medienberichten und sieht sie etwas positiver: „Für mich stellt sie schon eine gute Alternative dar – zumindest wenn es darum geht, sich sicherer zu fühlen, wenn jemand ‚da’ ist und weiß, dass ich sicher Zuhause angekommen bin. Der Notfall-Button bei Wayguard ist in jedem Fall praktisch – ein Anruf bei der Polizei oder Freund*innen kann im Notfall zu lange dauern. In meinen Fällen habe ich mich jedoch auch ohne App in Sicherheit bringen können und dann Freund*innen anrufen können.“ Doch auch sie befürchtet eine Erhebung ihrer Bewegungsdaten und starken Akkuverbrauch durch die App – weshalb sie weiterhin darauf setzt, ihren Freund*innen auf anderen Wegen mitzuteilen, dass sie sicher angekommen ist.

Angst essen Seele auf?

Sexualisierte Gewalt passiert – wie immer wieder Statistiken belegen – meist im näheren Umfeld des Opfers und eher selten im öffentlichen Raum. Die Furcht davor ist trotzdem groß. Um sich nicht von den eigenen Ängsten kontrollieren zu lassen, ist es wichtig, einen Umgang mit ihnen zu finden. Das beginnt für Frevel mit einer Auseinandersetzung und Ursachensuche: „Ganz häufig geht es ja darum, dass wir uns im öffentlichen Raum bewegen – spazieren gehen oder einkaufen. Und dann sind da dunkle Ecken, unüberschaubare öffentliche Bereiche, die bei uns Ängste auslösen. Zum anderen gibt es aber die Furcht – sie ist etwas gerichteter als die allgemeine Angst – und dann geht es zum Beispiel darum, dass wir bei einem Diskobesuch mit angetrunkenen Menschen zu tun haben, die unberechenbar sind, vielleicht pöbeln oder aggressiv reagieren.“

Dass Frauen* ein größeres Risiko tragen, Opfer von sexueller oder häuslicher Gewalt zu werden, darin sind sich Frevel, Anna und Maria einig. „In Deutschland, einem Patriarchat in dem es Rape Culture gibt, sind vor allem Frauen* betroffen von häuslicher Gewalt, sexueller Belästigung und/oder Gewalt“, so Maria. Frevel stellt zusätzlich fest: „Die Risiken, Opfer eines Raubes zu werden, sind in etwa gleich, auch wenn wir da eine etwas höhere Belastung bei Männern sehen. Dass einem das Handy oder Portemonnaie abgenommen wird, davon sind meistens junge Männer betroffen, seltener Frauen.“

Eine Lösung für Alle, das gebe es laut dem Politikwissenschaftler nicht, dafür sei die Problematik zu individuell verschieden und abhängig vom sozialen Kontext: „Wenn ich mir jetzt vorstelle, ich bin eine junge Frau oder ein junger Mann, der noch intensiv das Nachtleben von Duisburg nutzt, dann ist die Situation und das Sicherheitsempfinden eine andere, als wenn ich als alter grauer Mann durch eine friedliche ‚großstädtische‘ Struktur von Münster laufe. Also, in welchen Kontexten bewege ich mich? Was ist mein Lebensstil? Was ist mein Bewegungselement? Wer sind die Bedrohenden? Sind das reale Orte, wo Kriminalität stattfindet, oder sind es eher unsicherheitsvermittelnde aber letztlich friedliche Gegenden und deshalb unwirtlich wirken, weil sie schlecht einsehbar sind, die Beleuchtung schlecht ist?“

Welche Folgen eine Gewalttat im öffentlichen Raum haben kann, das bekommt Anna durch ihre Arbeit immer wieder mit: „Die Frauen, die wir betreut haben – die diese Gewalt erlebt haben, etwa überfallen wurden – sind so ängstlich, dass sie Angst haben, auf die Straße zu gehen.“ Auch Maria war für einige Zeit so sehr beeinträchtigt, dass sich ihr Alltagsleben drastisch veränderte: „Ich musste leider drei sexuelle Übergriffe auf offener Straße erleben. Die ersten beiden Male habe ich mich danach viel unsicherer gefühlt. Nach dem dritten Mal gingen meine Angstzustände sogar so weit, dass ich mehrere Tage mein Haus nicht mehr verlassen habe. Das Unsicherheitsgefühl ging jedes Mal erst nach langen Gesprächen mit Vertrauten oder einer Frauenberatungsstelle wieder zurück. Aber ganz verschwunden ist es seitdem nicht mehr.“

Zähne zeigen!

Auch wenn es keine Technik gibt, die einem Schutz garantiert, so kann man doch etwas für das eigene Sicherheitsempfinden tun. „Wir empfehlen immer einen Selbstverteidigungskurs. Selbstbewusst gehen ist wichtig, das lernt man auch in den Kursen. Vielleicht eine Trillerpfeife zur Hand nehmen und so viel Lärm wie möglich zu machen. Auch zeigen, dass man ein Handy dabei hat. Und tatsächlich einsame Wege, wo kein Haus ist, zu meiden,“ rät Anna.

Maria hat wieder damit begonnen, Kampfsport zu machen. Sie setzt sich jedoch auch für eine Lösung des Problems auf gesellschaftlicher Ebene ein: „Nachhaltig können wir die Zahl der sexuellen Übergriffe auf Frauen* nur senken, indem wir das Problem klar benennen: Männer sehen Frauen* als Objekte der Begierde, die man sich einfach nehmen könnte, nicht als Menschen.” Erst wenn Männer ihr patriarchales Denken reflektieren würden, könne es laut Maria zu einem Ende von sexualisierten Übergriffen kommen. „Wir müssen aber auch generell für eine Kultur und Gesellschaft ohne jegliche Form der Gewalt streiten: Nur dadurch wird es weniger Verbrechen geben“, fügt sie hinzu.

*Namen von der Redaktion geändert