„In Deutschland steckt der islamische Feminismus in den Kinderschuhen“

Forscht derzeit qualitativ in der jungen muslimischen Community: Dr. Reyhan Şahin. (Foto: lys)

Als Lady Bitch Ray mischte sie sowohl Rap, als auch Buchmessen auf und wurde so bundesweit berühmt. Warum der islamische Feminismus sich gegen patriarchale Strukturen in der Mehrheitsgesellschaft und in muslimischen Communities wehren muss, erklärt Sprachwissenschaftlerin und Feministin Dr. Reyhan Şahin im Interview. akduell-Redakteur*innen Dennis Pesch und Lea Sleiman trafen sie am Mittwoch, 29. November, nach dem soziologischen Kolloquium an der Universität Duisburg-Essen.

akduell: Fürs Verständnis. Was ist der Unterschied zwischen westlichem und islamischem Feminismus?

Dr. Şahin: Westlich codierter Feminismus wird dadurch gekennzeichnet, dass er die Konflikte und Lebenswelten von anderen Frauen –, muslimischen, Schwarzen, kurdischen Frauen – nicht einbezieht und eine bevormundende Haltung einnimmt. Früher bei den Christen und Kreuzfahrern war es die orientalische Prinzessin, die befreit werden musste, jetzt ist es die muslimische Frau, die befreit werden soll. Leila Ahmed spricht dabei von einem kolonialen Feminismus, Edward Said nennt es Orientalismus. So funktioniert auch die Gleichung: Kopftuch abnehmen ist Befreiung, Kopftuch aufsetzen ist Unterdrückung. Das sieht man ziemlich an der Haltung von Alice Schwarzer oder teilweise bei Vertreter*innen von Femen bezüglich des Islam, die einseitig und pauschalisierend sind. Zukünftig könnte man diese Diskurse nur dann überwinden, wenn beide Seiten kritisch betrachtet werden, also wenn man Rechtspopulismus, antimuslimischen Rassismus wahrnimmt und kritisiert, aber auch islampolitische Entwicklungen innerhalb islamischer Communities und Rassismen, die aus Islamismen entstehen, nicht aus dem Auge verliert.

akduell: In westlichen Ländern meinen viele Menschen, Kopftücher seien ein patriarchales Symbol des (politischen) Islam. Wie sehen Sie das?

Dr. Şahin: Das Kopftuch kann empowernd sein, es gibt ja nicht das eine Kopftuch. Das hat immer was mit der Person zu tun, die es trägt, mit dem Individuum, mit der Frau. Das Kopftuch ist das, was die Trägerin daraus macht. Wenn diese Frau zum Beispiel studiert, sich für feministische Themen interessiert, kritisch ist, sowohl patriarchalen Strukturen in der Mehrheitsgesellschaft, als auch patriarchale Strukturen innerhalb der muslimischen Community beheben will, kann das Kopftuch sogar ein Zeichen von Emanzipation und Feminismus sein. Wenn sich die Frau aber eher mit politisch-islamisch ausgerichteten Ideologien identifiziert und das muslimische Patriarchat unkommentiert hinnimmt, ist das alles andere als feministisch und gerechtigkeitsliebend.

Der gesellschaftliche Stellenwert des Kopftuchs hat sich in den letzten 20, 30 Jahren sehr verändert – das Kopftuch war eher immer so ein Zeichen der nicht akademisierten türkischen Frau der ersten Einwanderergeneration. Da haben die Frauen ganz simple Kopftücher getragen, nicht studiert, kamen aus der Türkei, haben keine hohe Bildung genossen – damals hat das auch niemanden gestört. Aber jetzt, 30 Jahre später, kommen Frauen und wollen Lehrer*innen, Jurist*innen werden, bald kommen sie hoffentlich in den Bundestag und auf einmal ist es der Gesellschaft ein Dorn im Auge. Wenn wir das mit von vor 30 Jahren vergleichen, hat das Kopftuch einen totalen Bedeutungswandel durchgemacht. Es hat modische Facetten, es hat diesen Bildungsaspekt. Jetzt spielen islamisch-emanzipierte oder gar feministische Faktoren eine Rolle.

Die junge Kopftuchträgerin kann mit ihren Anschauungen und ihrer Lebenswelt zeigen, dass das Kopftuch eben nicht nur ein Zeichen von einer ungebildeten Muslimin ist. Trotzdem ist das nicht die Regel, sondern nur eine Facette des Kopftuchs. Das Kopftuch kann auch ein patriarchales Unterdrückungszeichen sein, wenn die Person sich a) dem Patriarchat unterwirft oder b) vom Patriarchat eins zu eins kontrolliert wird, sei es durch Familie oder Community. Das kann man aber nur im Einzelfall bewerten. Und die Lösung kann ja nicht die sein, die Frau anzuprangern, schlecht zu machen, so dass sie sich dann noch weniger traut etwas zu sagen.

akduell: Durch muslimische Verbände wie Ditib und Millî Görüş wird in der Bundesrepublik ein patriarchales und antisemitisches Weltbild propagiert. Sie referierten gerade über islamische Feministinnen, die sich unter Einsatz ihres Lebens vom Patriarchat erheben. Wie ist ihr Verhältnis zu diesen Organisationen?

Dr. Şahin: Die großen islamischen Feminist*innen wie Leila Ahmed, Fatima Mernissi und Amina Wadud warnen alle in ihren Werken vor dem Erstarken des muslimischen Patriarchats, sie würden also prinzipiell gegen politisch-islamische, antisemitische und patriarchale Strukturen von muslimischen Verbänden und Organisationen sein. Sie befürworten feministisch-kritische Auslegungen islamischer Schriften und Traditionen, sie sagen: ‚Nein, Gott wollte nicht, dass Frau und Mann ungleich sind, für Gott sind Frau und Mann gleich‘ und belegen das mit dem Koran, Hȃditen und anderer Literatur. In Deutschland jedoch steckt der islamische Feminismus noch in den Kinderschuhen, hier fehlt es an islamfeministischer Kritik an solchen Verbänden. Muslimische Queerness, Homosexualität im Islam oder kritisch aufgeklärte Sexualität, da sind Muslim*innen in Indonesien viel weiter als hier in Deutschland.

akduell: Woran liegt das?

Dr. Şahin: Zum einen an bestehenden Vorurteilen und Rassismen in der deutschen Gesellschaft. Zum anderen aber auch an der Dominanz islampolitisch und patriarchal ausgerichteter muslimischer Organisationen und Verbände und das Bestehen solcher Ideologien innerhalb bestimmter muslimischer Communities. Diese werden noch zu wenig innerhalb eigener Reihen kritisiert. Und Fremdenfeindlichkeit in einer Gesellschaft ist auch nicht unbedingt nur Nazitum, das ist nur die Spitze der Klitoris, würde ich sagen. Ausgrenzung fängt viel früher an: Bei der Job- und Wohnungssuche. Man hat es als Mensch mit Migrationshintergrund, Kanackin, Moslem oder was auch immer, mit grundsätzlichen existentiellen Problemen zu tun. So kann man sich nicht um politische Diskurse kümmern. All diesen Frauen, mit denen ich Interviews geführt habe, war erstmal eines wichtig: einen Job kriegen, ein Studium oder eine Ausbildung schaffen. Wenn sie ein Studium absolvieren, zum Beispiel als Lehrerin zu arbeiten, Geld zu verdienen, eine Familie gründen, safe sein. Durch die ganze kapitalistische Gesellschaftsstruktur können wir uns gar nicht um die eigentlichen Probleme kümmern.

akduell: Wie sehen Sie Menschen, die sagen, sie seien Feminist*innen, aber dann mit der AKP, Erdoğan und den dazugehörigen Dachverbänden anbandeln?

Dr. Şahin: Das ist für mich ein Widerspruch: die stille Befürwortung von patriarchal oder islamisch-politisch strukturierten Verbänden und Organisationen und islamisch-feministische Philosophie. Es ist generell wichtig und gut, dass muslimische Frauen mit und ohne Kopftuch für sich selbst sprechen können, Bildungszugang haben, an der deutschen Gesellschaft teilhaben und sich in ihrer Lebenswelt unabhängig in ihrem eigenen Tempo emanzipieren können. Das tun ja auch viele muslimische Frauen bereits. Wenn aber Aktivist*innen mit türkischem Background über islamischen Feminismus sprechen und diese kritische Praxis jedoch entweder gar nicht ausüben oder ihre Sozialisation und Nähe zu diesen Verbänden und Organisationen verschweigen, finde ich das problematisch. Wenn diese Frauen sich lauthals über antimuslimischen Rassismus beschweren, dann sollten die Rassismen, die von solchen politisch-islamischen Ideologien heraus entstehen – man schaue dabei auch auf die politische Situation in der Türkei, diese spiegelt sich nämlich auch in Deutschland wider – berücksichtigt werden, sonst ist das für mich weder islamischer Feminismus noch muslimischer Antirassismus.

akduell: Welche Rolle spielen Rassismus, aber auch Antisemitismus in Teilen der muslimischen Community?

Dr. Şahin: Frau würde lügen, wenn man behauptet, es gäbe keine Rassismen innerhalb muslimischer Communities. Allein die unterschiedlichen Religionsauffassungen zwischen Sunnitin*nen, Schiitin*nen und muslimischen Alevitin*nen oder der Machtinteressen zwischen unterschiedlichen islampolitischen Lagern aktivieren regelmäßig Rassismen. Wenn zum Beispiel Bilder und Embleme in sozialen Netzwerken auftauchen von der Muslimbruderschaft, AKP, Erdoğan oder der schwarzen R4abia-Hand, dann schwingen da antisemitische Positionierungen eindeutig mit. Das ist aber nicht die Mehrheit. Und solche sachlich geführten Differenzierungen fehlen in derzeitigen Diskursen völlig.

akduell: In der Wissenschaft wird Sexualität oft ausgegrenzt. Wann ist das ideale Verhältnis von Sexualität und Wissenschaft erreicht?

Dr. Şahin: Wenn diese ganzen Wissenschaftler*innen sich endlich mal eingestehen, dass sie ne Muschi, Schwänze, beides und gar nichts haben. Ich merke das immer dadurch, dass ich schief angeguckt werde, wenn rauskommt, dass ich auch Künstlerin bin. Menschen, die anders sind und/oder Frauen werden im Wissenschaftsbetrieb leider ausgegrenzt. Und nicht gefördert. Da herrscht eine Angst vor der weiblichen Sexualität. Das sieht man ja am Habitus vieler Wissenschaftlerinnen, dass sie sich so neutral wie möglich versuchen zu kleiden, ‚objektiv‘ zu sein – als würde es das geben. Für mich muss das erstmal zusammen stattfinden, Sexualität und Wissenschaft und nicht immer so medizinisch-nüchtern Sachen aus der Metaebene betrachten. Die Fuckademia ist leider verdammt unsexy!

akduell: „Das Klima der Political Correctness ist bedenklich“, behauptete zuletzt Bernhard Kempen, der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes. Wie erleben Sie den Wissenschaftsbetrieb?

Dr. Şahin: Bernhard wer?? Aber ja, ich bin auch nicht immer political correct, weil diese Haltung widersprüchlich ist. Ich kann das nicht ab, wenn Leute immer so über Sachen reden. Man muss korrekt sprechen, aber irgendwie hingehen und CDU wählen oder bestimmte gesellschaftliche Sachen nicht sehen und dann einen auf liberal tun, das kotzt mich an. Da ist mir so ein Spießer lieber, der nicht mal ’ne Aussage trifft und wahrscheinlich selbst nicht weiß, was er gerade gesagt hat. Ich würde ihn fragen: Herr so und so, können sie mir das noch mal erläutern, was sie damit meinen? PC? Pussy Correctness! Ich bin nicht political correct, sondern pussy correct.