Jüdisches Leben in Essen

Einblick in die modernisierte, 104-jährige Alte Synagoge mit dem Interview-Partner Uri Kaufmann. (Foto: lys)

Die alte Synagoge am Rathaus Essen ist heute ein städtisches Kulturinstitut, in dem gerade die Dauerausstellung zum Thema „Zeitgenössisches Judentum weltweit“ zu sehen ist. Im hellen Gebäude mit Kuppeldach kann sich auf einem Smartboard durch jüdische Kultur geklickt oder das Archiv nach Terminvereinbarung durchgeschaut werden. akduell-Redakteurin Lea Sleiman sprach im Interview mit dem Historiker und amtierenden Leiter Uri Kaufmann über jüdische Kultur in Essen.

ak[due]ll: Wie war die jüdische Gemeinde vor der Naziverfolgung in Essen?

Uri Kaufmann: Jüdische Kultur im Ruhrgebiet geht auf den Dreißigjährigen Krieg zurück. Es war immer eine kleine Gemeinde, bis in die 1870er Jahre, als Essen allgemein durch Zuwanderung wuchs. 1913 entschloss sie sich dazu, eine große, ausgeschmückte Synagoge zu bauen. Ein christlicher Architekt realisierte damit sein erstes Großprojekt. Im Unterschichtenbereich hatte man Kontakt mit dem umherziehenden Volk und Jiddisch, wenn man in billigen Herbergen gemeinsam übernachten musste, daher kommen noch gewisse Ausdrücke [Anm. d. Red.: „maloche“ oder „Ische“]. Aber es gibt Verbindungen, die gehen auf das 15. Jahrhundert zurück. Das ist eine mehrhundertjährige Interkulturation.

akduell: Was passierte mit der alten Synagoge in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. Novmeber?

Kaufmann: Nach der telefonischen Anweisung aus München, dass die Synagogen anzuzünden sind, ging der Befehl an die SA. Nicht weit von hier, am Burgplatz, gab es eine Einschwörungszeremonie der SS. Auch SA-Leute waren da und die konnten über die Straße. Als sie hier waren, haben sie das Holzmobiliar angezündet und die Torarollen rausgerissen. Die Leute haben bis zum Morgen den brennenden Torarollen zugeguckt. Die Wohnung vom Ehepaar Heineman, die eine kleine Kunstsammlung aufbauten, wurde in der Nacht zerstört, und auch die Kunstwerke wurden verbrannt, die für eine Ausstellung im Folkwang Museum gedacht waren. Die Synagoge war seitdem eine Brandruine. Man musste zur Hindenburgstrasse in einen Ersatzraum flüchten. Nach dem Krieg hat sich nur eine kleine Gemeinschaft wieder gefunden. Mehr als die Hälfte der 5.000 Essener Juden von 1925 konnten sich bis 1941 ins Ausland retten, umgekommen sind mehr als 2.000. Polnische Staatenlose, überlebende Männer aus sogenannten ‚privilegierten Ehen’ mit einer Frau ohne Kind, und auch aus KZ-Außenstellen der Umgebung sind einzelne Überlebende nach Essen gekommen. Sie waren die Anfänge der Nachkriegsgemeinde, die am 3. April 1948 im alten Rabbinerhaus das Gebet eröffneten.

akduell: Was passierte nach 1945?

Kaufmann: Die Synagoge und der Toraschrank haben die Bombardierung überstanden, obwohl die Wohnhäuser drumherum zusammengefallen sind. Das war für viele Zeitgenossen ein Mahnmal, dass ausgerechnet die zerstörte Ruine stehen blieb. Man wusste lange nicht, was man damit anfangen soll. Die Empore wurde eingerissen und das Gebäude massiv umgebaut und bis 1979 Kaffeetassen, Stühle und Lampen im seit 1959 städtischen Hausindustrieforum ausgestellt. Dann hat die Ausstellung gebrannt, soweit ich weiß ein Kabelbrand. Auch mit Hilfe junger Historiker der Universität Duisburg-Essen in der städtischen Diskussion wurde die Synagoge Anfang der 1980er Jahre zur Mahn-und Gedenkstätte. Eine der ersten Ausstellungen organisierte der Kommunist Ernst Schmidt über Widerstand gegen den Nationalsozialismus, ohne Bezug zu jüdischer Geschichte und schon gar nicht zu Religion. Die neue Leiterin Angela Genger hat dann eine Sammlung mit 400 Interviews von jüdischen Essener Zeitzeugen organisiert und rekonstruiert. Seit 2010 liegt der Schwerpunkt auf zeitgenössischem Judentum weltweit, aber auch mit zwei lokalhistorischen Abteilungen.

akduell: Gab es seit 1945 Angriffe auf die Synagoge?

Kaufmann: Zwei Männer versuchten 2014 nach einer Demonstration gegen den Gaza-Krieg die Dauerausstellung zu stören. Mit letzter Not konnten die älteren Damen hier die Tür schließen. Dann wurden Fenster mit Steinen zerstört und seitdem haben wir ein starkes Sicherheitskonzept und ständig Polizeipräsenz vor dem Haus. Es gab vorher im Internet eine Gruppe, die sich zum Ziel setzte, die Synagoge zu vernichten. Es wurden dann die Sicherheitsmaßnahmen zwei Monate lang von der Polizei wegen Terrorverdachts noch verstärkt.

akduell: Was ist alltägliche Arbeit im Kulturinstitut?

Kaufmann: Pädagogische Arbeit, zum Beispiel an Schulen zum Zusammenhang von Judentum und Islam. Von muslimischer Seite gab es übrigens nie geographisch so weiträumige Verfolgung wie in Europa. Ich doziere auch an der Universität Duisburg-Essen zu jüdischer Geschichte. Wir sind gerade dabei, Dokumente des russischen Künstlers Yury Kharchenko und seiner Familiengeschichte zu archivieren und auszustellen. Es kommt wie bei ihm häufig vor, dass Eltern ihre Namen änderten und nicht verraten haben, dass sie jüdisch sind. Das ist für die Kinder dann ein Problem, dass sie mit einer neuen Identität konfrontiert sind.

akduell: Wie beschreiben Sie jüdische Kultur heute in Essen?

Kaufmann: Jüdisches Leben hier ist ohne Zuwanderung nicht zu denken, besonders ab den 60er Jahren aus Osteuropa. Es ist eine kleine Gemeinde in Essen im Vergleich zu Düsseldorf, das als das regionales jüdisches Zentrum bezeichnet werden kann. Die älteren Gemeindemitglieder isolieren sich wegen der Erinnerung an antisemitische Erlebnisse. Man sollte jüdisches Leben in den realen Proportionen in Deutschland sehen. Journalisten sprechen von einer Blüte, so großartig ist es nicht. Es ist sicher mehr, auch wegen der jungen Generation, die jetzt deutsch sozialisiert ist. Es hängt von der Politik ab, ob jüdisches Leben ermöglicht wird. Die kann ich nicht so recht einschätzen – ich bin kein Prophet.