#metoo: Verspottet auf Facebook

#metoo bestimmt seit Wochen die öffentliche Debatte – dieses Mal sogar mit Konsequenzen. (Foto: caro)

Seit den Enthüllungen rund um den Hollywood-Filmproduzenten Harvey Weinstein ist das Thema sexuelle Belästigung wieder allgegenwertig in der Gesellschaft. Unter dem Hashtag #metoo wird weltweit über Sexismus und sexualisierte Gewalt berichtet – das Thema nimmt auch im privaten Raum immer mehr Platz ein. Ein WDR-Journalist startete am 30. Oktober in einer Facebookgruppe der Universität Duisburg-Essen (UDE) einen Aufruf, um heraus zu finden, wer an der Uni solche Erfahrungen machen musste. Was folgte, waren vermeintliche Witze auf Kosten der Betroffenen und die Relativierung des Problems.

„Julian [Name geändert] hat einmal sehr unsittlich mein Bein berührt als er zu seiner Wasserflasche griff. Ich musste mich danach drei mal duschen und habe sehr viel geweint“, spottete der Facebook-Nutzer Alex [Name geändert] in der Kommentarspalte des Beitrags, in dem er einen Bekannten verlinkt hatte. Vermeintliche Witze sorgen dafür, dass Betroffene nicht ernst genommen und ihre Reaktionen als übertrieben dargestellt werden. „Solche Witze negieren sexualisierte Gewalt völlig und sind selbst Teil von dieser Gewalt“, erklärt Ellen Meister, stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte aus der Gruppe der Studierenden an der UDE und Sprecherin des Autonomen Frauen*referats des AStAs.

Untergrabene Machtverhältnisse

Wenig später ist – versehen mit einem traurigen Smiley – von Alex zu lesen: „Und wieder wird die sexuelle Nötigung von Männern nicht ernst genommen. Armes Deutschland.“ Dabei richtete sich der Aufruf des WDR-Journalisten gar nicht explizit an Frauen. Es wurde nachträglich sogarnoch darauf hingewiesen, dass sich „auch gerne ein Mann melden“ dürfe. Von Ignoranz kann also keine Rede sein. Denn wie auch die Berichte über den Schauspieler Kevin Spacey zeigen, zählen auch Männer* zu den Opfern sexualisierter Gewalt. In der sich entfachenden Diskussion unter dem Beitrag spielt Alex immer wieder mit falschen Fakten. So gebe es angeblich genug Anlaufstellen für Frauen*. Dabei sind laut Landesarbeitsgemeinschaft Autonomer Frauenhäuser NRW die Frauenhäuser so überlaufen, dass aktuell nur sechs von insgesamt 70 überhaupt Plätze anbieten können.

Ein anderer Nutzer zweifelt gar den Wahrheitsgehalt der #metoo-Aussagen an. Schließlich trügen die nicht „von irgendeiner Wahrheitsagentur das Gütesiegel ‚echter Missbrauch’“. Meister führt aus: „Da sexuelle Gewalt sich von Machtverhältnissen nährt, fühlen Cis-Männer [Anm. d. Red.: Männer, die sich mit ihrem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren] sich oft in ihrer Macht untergraben, wenn sie sehen, dass Frauen* sich gegen sexuelle Gewalt oder jede andere Form von Unterdrückung wehren.“ Auch meint jemand seinen Frust über die GEZ-Gebühren anhand dieser Thematik rauszulassen und verspricht Informationen zu Übergriffen gegen Gebühr und relativiert so die Erlebnisse von Betroffenen. Schlussendlich gesellen sich auch Schaulustige mit virtuellem Popcorn in Form eines Katzen-Stickers dazu, statt selbst Wort zu ergreifen.

Die klassische Täter-Opfer-Umkehr

Meister beschreibt die Reaktionen folgendermaßen: „Es wird versucht […] zu zeigen, dass das Problem nicht so eine große Spannbreite aufweist. Sexualisierte Gewalt wird ins Lächerliche gezogen oder sie wird relativiert, indem Beispiele genannt werden, dass Frauen* sich ja gar nicht so anzustellen haben, und auch Beispiele genannt, in denen Cis-Männer* Opfer von Frauen* sind.“ Auch in der öffentlichen Debatte in der Gesellschaft wird Frauen* der Vorwurf gemacht, sich nicht gut genug zu wehren oder sich erst Jahre später zu äußern. Die Täter-Opfer-Umkehr wird angewandt. Statt dem Täter wird der Frau* in Not fehlende Kompetenz unterstellt. Auch Alex verwandelt innerhalb nur weniger Sätze Frauen* von Opfern in Schuldige. Erst zeigt er sich „traurig“ über die Ängste und Unsicherheiten, denen Frauen* ausgesetzt sind, ehe er ein paar Sätze weiter behauptet, „wenn’s die Möglichkeit, Institutionen und Projekte wie ‚Luisa’ gibt, sind die Leute, die diese nicht nutzen, das ‚Problem’.“ Dabei wird ignoriert, welche Beweggründe dazu führen, dass viele Betroffene schweigen.

An der UDE können sich Betroffene unter anderem an das Autonome Frauen*referat wenden, um in einem geschützten Raum über ihre Erlebnisse sprechen zu können. Auf Wunsch setze man sich auch mit Dozierenden in Verbindung, „damit diese in Seminaren oder Vorlesungen ein Auge darauf werfen“. Wichtig sei, so Meister, dass Frauen* nicht bei sich die Schuld suchten. Sie seien nicht die Verursacherinnen. Stattdessen wünscht sich Meister von der Gesellschaft: „Anstatt Frauen* schon im jungen Alter beizubringen, darauf zu achten, nicht vergewaltigt zu werden, sich nicht zu ‚reizvoll‘“ zu kleiden, oder nicht alleine dunkle Gassen entlang zu gehen, sollte Männern mehr beigebracht werden, die Grenzen anderer zu respektieren, generell respektvoll mit Frauen* umzugehen, keine sexistischen Witze zu machen und ihnen gegenüber keine sexualisierte Gewalt auszuüben.“

Obwohl sich der WDR-Journalist bewusst aus der Diskussion raus gehalten habe, wurde er übrigens zwischenzeitlich von den Administratoren aus der Facebook-Gruppe entfernt und erst nach Beschwerde wieder hinzugefügt. In dem Beitrag auf WDR360 schildern zwei Betroffene von Annäherungsversuche ihrer Dozenten und wie sie damit umgegangen sind. Auch wird erwähnt, dass bei den Recherche-Aufrufen in verschiedenen Facebook-Gruppen vor allem Männer* das Thema verhöhnt hätten.

 

Weitere Anlaufstellen für Betroffene an der UDE sind die Gleichstellungsbeauftragte, die dezentralen Gleichstellungsbeauftragten in den Fakultäten, die Schwerbehindertenvertretung, die Ombudsperson für Studierende sowie die Fachschaftsvertreter*innen.