Mit Wolfsgruß gegen Kritik

Der Wolfsgruß ist das Symbol der ultranationalistischen Grauen Wölfe. Kurz nach dem Putschversuch versammelten sich türkische Nationalist*innen auf der Kölner Domplatte. (Symbolbild: fro)

Die Veranstaltung über syrische Geflüchtete in der Türkei der Hochschulgruppe Kulturverein türkischsprachiger Studierender (KulTürk) am Dienstag, 21. November, an der Universität Bielefeld sorgte für einen Eklat. Als Referent luden sie Sezer Özcan ein, der unter anderem wegen eines antisemitischen Postings aufgefallen war. Es kam zu Protest gegen die Veranstaltung, dem aggressiv begegnet wurde. Dabei ist es nicht das erste Mal, dass KulTürk problematischen Personen eine Bühne bietet.

Noch bevor der Vortrag vom Politikwissenschaftler Sezer Özcan, einem ehemaligen Doktoranden der Universität Bielefeld, startete, betraten rund 20 Personen den Vorlesungssaal durch den Hinterausgang, um gegen die Veranstaltung zu protestieren. Sie stießen allerdings auf aggressive Sympathisant*innen von KulTürk, die sie schubsten und ein Transparent zerrissen, wie auch ein Videomitschnitt dokumentiert. Einer protestierenden Frau wurde gar auf den Kopf geschlagen. Das Campusradio Hertz 87.9 gibt an, nicht sagen zu können, von welcher Seite die Gewalt ausging. In einer Stellungnahme vom 24. November gibt die Hochschulgruppe an, dass zwischen den Täter*innen und KulTürk keine Verbindungen bestünden.

Neben Androhungen sexualisierter Gewalt zeigen Personen im Video den Wolfsgruß, ein Handzeichen der türkisch-nationalistischen Grauen Wölfe, die der Partei Milliyetçi Hareket Partisi (MHP, übersetzt: Partei der nationalistischen Bewegung) angehören, sowie die Rabia-Hand. Dabei handelt es sich um ein Symbol der ägyptisch-islamistischen Muslimbruderschaft, deren Ziel die Errichtung eines islamischen Staates auf Grundlage der Sharia ist. Aus der Muslimbruderschaft geht auch die palästinensische Terrororganisation Hamas hervor, die den Staat Israel beseitigen will. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan zeigte die Rabia-Hand nach dem Putsch im Juli 2016, wodurch das Zeichen auch in der Türkei an Popularität gewann.

Rückgriff auf antisemitische Inhalte

Doch nicht nur die Sympathiebekundungen gegenüber islamistischen Organisationen zeugt von Brisanz. Referent Özcan selbst vertritt problematische Positionen. Im sozialen Netz teilte er eine Textstelle des türkischen Dichters Necip Fazil Kisatürek. „Der Kapitän: Ein Jude. Der Maschinist: Ein Freimaurer. Die Crew: Konvertiten. Ihr Kurs: Atheismus. Was erwartet ihr von dem Schiff der Freiheit“, zitiert er die Metapher, die die westliche Gesellschaft skizzieren soll. Dabei handelt es sich um ein antisemitisch-verschwörungsideologisches Zitat, das Juden* und Jüdinnen* sowie Freimaurer*innen in Strippenzieher-Manier unterstellt, die Geschicke des Westens aus dem Geheimen zu steuern. Der Dichter Kisatürek ist vor allem in türkisch-nationalistischen Kreisen populär. Wie die Jüdische Allgemeine berichtet, habe er in der AKP großen Einfluss und wird auch von Erdoğan als einer der „wichtigsten türkischen Denker des 20. Jahrhunderts“ und „Vorbild für kommende Generationen“ bezeichnet. Mittlerweile sind seine Facebook-Beiträge, die der Redaktion als Screenshots vorliegen, nicht mehr öffentlich.

Wie KulTürk, deren Mitglieder zum Teil Erdoğan, der MHP und den Grauen Wölfen nahe stehen sollen, in einer Stellungnahme schreibt, habe man vor der Veranstaltung nichts von diesem Posting gewusst. Eine Recherche über seine politischen Ansichten hielt die Hochschulgruppe nicht für notwendig, da es sich bei Özcan um einen Hochschulangehörigen handele – obwohl antisemitische Ressentiments nicht vor dem Campus Halt machen. Zudem sehe man sich nicht in der Verantwortung, die politische Gesinnung von Referent*innen zu analysieren. KulTürk verweist außerdem darauf, dass Özcan auch Beiträge gegen den Holocaust veröffentlichte. Dies lässt die Studierenden zu dem Schluss kommen, dass „der besagte Forscher kein Antisemit ist.“

Schnappschuss mit Erdoğan

Ein Bewusstsein, dass sich Antisemitismus nicht ausschließlich im nationalsozialistischen Vernichtungsantisemitismus ausdrückt, hätte zu einer Sensibilisierung über den ressentimentgeladenen Gehalt weiterer Facebook-Beiträge Özcans beigetragen. Eine Karikatur, die er auf seinem Facebook-Profil geteilt hat, stellt dar, wie die Medien die türkische Bevölkerung ablenken, während ausländische Kräfte wie die USA das Land – von kurdischen Gebieten kommend – spalten. Diese Kräfte werden als schwarz gekleidete Personen mit Hüten dargestellt. Auf diese Weise werden jüdische Menschen, denen eine bösartige Allmacht unterstellt wird, oft in antisemitischen Karikaturen dargestellt. Andere von ihm geteilte Karikaturen stellen in antiamerikanischer Tradition dar, dass die USA für die Destabilisation in nahöstlichen Ländern verantwortlich sei.

Ein weiterer Facebook-Post vom 16. Juli 2016: einen Tag nach dem Putschversuch in der Türkei veröffentlicht Özcan ein Foto, das ihn gemeinsam mit Erdoğan zeigt. „Gegen den Volkswillen kann keiner putschen“, schreibt er auf Türkisch dazu, womit er den türkischen Präsidenten als ebenjenen stilisiert und den Abbau der Demokratie unter ihm ignoriert. In einem weiteren Beitrag versucht er den Völkermord an den Armenier*innen mit dem Verweis auf Genozide anderer Länder zu relativieren. Auffällig ist vor allem der zweite, aus dem Türkischen übersetzte Satz, der als eine Rechtfertigung für den Völkermord verstanden werden kann: „Nichts geschieht grundlos.“

Konsequenzen für KulTürk gefordert

Sezer Özcan ist nicht die erste Personalie mit rechten und antisemitischen Ansichten, die die Hochschulgruppe einlud. Schon in der Vergangenheit sorgten ihre Veranstaltungen für Aufsehen. 2015 fand eine Vortragsreihe statt, die laut hiesiger Stadt- und Studierendenzeitung den Völkermord an den Armenier*innen leugnete. Im vergangenen Jahr lud die Hochschulgruppe Andreas Abu Bakr Rieger ein, der über den Islam in Europa referierte. Damit bot sie einem Autor und Mitgesellschafter des Querfront-Magazins Compact eine Bühne.

Auch wenn sich KulTürk nun als unwissend und unschuldig positioniert, könnte die Veranstaltung Folgen haben. Wie das Bielefelder Campusradio Hertz 87.9 berichtet, habe sich das Studierendenparlament der Universität mit der Thematik befasst und einen einstimmigen Beschluss formuliert. Der AStA solle prüfen, ob es satzungskonform ist, der Hochschulgruppe keine Ressourcen mehr zur Verfügung zu stellen. Noch weiter geht die Antira AG der Universität, die ein breites Bündnis von Unterstützer*innen hinter sich weiß. Neben einem Verbot von KulTürk fordern sie sowohl eine Exmatrikulation von gewaltbereiten Angreifern als auch eine Stellungnahme des Rektorats und eine stärkere Auseinandersetzung mit türkischem Nationalismus und Islamismus an der Uni.