Privatsphäre versus digitaler Fortschritt?

Studierende, die Lehrveranstaltungen mitschneiden machen sich persönlichkeitsrechtlich strafbar. (Symbolbild: rat)

Vorlesungen auf Youtube, Seminare über Online-Plattformen wie Moodle, Austausch zwischen Studierenden und Dozierenden per Chat – so und ähnlich gestaltet sich digitale Lehre an Hochschulen. Auch an der Universität Duisburg-Essen (UDE) werden digitale Mittel eingesetzt. Doch besonders das Aufzeichnen von Lehrveranstaltung und der rechtliche Rahmen, in dem das geschehen darf, wird derzeit diskutiert.

„Anscheinend hat unser Justiziariat Aufzeichnungen von Lehrveranstaltungen de facto fast unmöglich gemacht. Digitale Lehre? Läuft bei uns“, äußerte sich Daniel Lambach, Dozent am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Entwicklungspolitik an der UDE, sichtlich verärgert am 30. Oktober per Twitter. Damit reagierte er auf eine Stellungnahme des Justiziariats der Universität, die am gleichen Tag über den Verteiler des Instituts für Politikwissenschaft verschickt worden war. Darin heißt es, dass sowohl Ton- und Videoaufzeichnungen sowie Fotos von Lehrveranstaltungen und deren Verbreitung ohne Einwilligung aller Betroffenen (Lehrende und Studierende) urheberrechtlich als auch persönlichkeitsrechtlich strafbar wären.

Unmöglicher Aufwand?

Was für Lambach die Aufzeichnung von Lehrveranstaltungen nun „de facto fast unmöglich“ macht ist der erhöhte Organisationsaufwand, dem er sich gegenübersieht: „Wenn die Rechtslage verlangen sollte, dass ich von jedem Studierenden, der auf diese Weise im Video auftaucht, eine individuelle Einwilligung einhole, ist das für mich organisatorisch nicht zu leisten“, erklärt der Dozent. Schließlich solle es vorkommen, dass noch Studierende in den folgenden Wochen zu einer Veranstaltung dazustoßen. „Weil mich aber die Rechtslage in individuelle Haftung nimmt, wenn ich durch eine Aufnahme die Persönlichkeitsrechte eines oder einer Studierenden verletze, befinde ich mich in einer unbequemen Situation“, so Lambach weiter. Eingriffe in die Privatsphäre, die bei der Aufnahmepraxis kritisiert werden, sieht der Dozent nicht.

Organisatorisch machbar wäre so etwas allerdings allemal, wenn schon im LSF bei der Anmeldung der entsprechenden Veranstaltungen aufmerksam gemacht wird. Ausgeklammert wird der mögliche Fall, dass einzelne Studierende nicht mit der Aufnahme einverstanden sind, jedoch an dem Seminar teilnehmen müssen. Ihnen wird die Auswahl an Lehrveranstaltungen genommen. Zudem gibt es auch vermehrt Studierende, die – ohne vorher ihre Kommiliton*innen zu fragen – Veranstaltungen mit dem Smartphone mitschneiden. Selbst wenn diese Aufnahme dann nur zum Privatgebrauch verwendet wird, befördern sie sich damit in eine rechtlich unsichere Lage.

Studierende der UDE, die sich auf Facebook zu dem Thema äußerten, stehen dem Aufnehmen von Lehrveranstaltungen seitens der Dozierenden positiv gegenüber. „Viele Themen versteht man auch erst, wenn man sie öfter gehört hat. Ist man während der Vorlesung nur mit Mitschreiben beschäftigt, bleibt meist wenig hängen“, sagt beispielsweise Theresa. Hilfreich sind die Aufnahmen außerdem für Studierende, die neben dem Studium andere zeitintensive Verpflichtungen haben. „Ich schaffe es nicht zu allen Vorlesungen, da ich arbeiten muss und an zwei Campussen studiere; Notizen von Kommilitonen reichen da nicht immer aus“, beklagt sich Svenja, die in Duisburg BWL und am Essener Campus Anglistik studiert. In beiden Fächern werde nicht aufgezeichnet.

„Finde ich vor allem bei ersterem schade, da ich mir das lieber zu Hause angucken würde als in teilweise mehr als überfüllten Tutorien“, ergänzt die Studentin. Probleme bei der Organisation, wie sie von Lambach moniert werden, schildert niemand. „Da im neuen Audimax in Duisburg eine Anzeige darauf hinweist, dass eine Aufnahme gestartet wurde, dürfte es für jeden ersichtlich sein, dass seine/ ihre Wortmeldungen aufgezeichnet werden“, befindet UDE-Studentin Anna. Inwieweit das dann jedoch rechtlich legitim ist, wenn vorher nicht explizit nach dem Einverständnis der Studierenden gefragt worden ist, bleibt jedoch undurchsichtig.

Das sagte im Übrigen der AStA 2016 dazu.