Queere Kritik gnadenlos verbannt

Beißreflexe ist das erfolgreichste LGBTI-Buch des
Jahres. (Foto: seg )

Die feministische Buchmesse „Queeres Verlegen“ findet am 18. November zum dritten Mal in Berlin statt. Nicht mit dabei ist der Querverlag, denn der Herausgeberin in Patsy L’Amour LaLove bleibt die Teilnahme dieses Jahr versagt. Aufgrund ihres Werkes Beißreflexe, das den aktuellen queeren Aktivismus kritisiert, luden die Organisator*innen sie aus. „Inhaltliche Auseinandersetzung durch Anwendung von Machtmitteln zu ersetzen, erinnert ans finstere Mittelalter und darf nicht toleriert werden“, verkündet der Verlag Männerschwarm in einem Facebook-Post.

Eine Glosse von Julia Segantini

Es war einmal vor langer Zeit, dass mutige Held*innen für mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern kämpften. Allen voran ritt Judith Butler, die kühn deklarierte: „Höret mich an! Das Geschlecht ist ein gesellschaftliches Konstrukt! Befreiet euch von geschlechtlichen Zuordnungen und Zwängen!“ Auch heute noch schlagen queere Aktivist*innen viele Schlachten für mehr Toleranz gegenüber marginalisierten Gruppen. Es könnte so schön sein in Queer Kingdom. Doch plötzlich entpuppt sich eine der Ritter*innen als Ketzerin in den eigenen Reihen. „Zieht die Zugbrücke hoch, schließt die Tore!“, riefen daraufhin die Veranstaltenden der Buchmesse „Queeres Verlegen“. So ward Patsy L’Amour LaLove als unsolidarische Verräterin aus dem Königreich verbannt. Doch welches war ihr Verbrechen?

Kritik an queeren Methoden

In Beißreflexe versammeln sich Artikel, Erfahrungsberichte und Polemiken von 27 Autor*innen, die alle aus Queer Kingdom stammen und verschiedene Einblicke hinter die Schlossmauern geben. Kritisiert wird das aus der Sicht der Verfasser*innen autoritär ausgeartete Herrschaftsgebiet, das sich nur noch durch (Sprech-)Verbote, Sanktionen und Feindseligkeit gegenüber kritischer Positionen auszeichne. Zum Beispiel definiere es sich nur noch über Betroffenheitspolitik. Demnach dürften nur Betroffene über ihr Leid berichten und urteilen, Außenstehende gehörten in den Kerker gesperrt.

Ein anderer Artikel berichtet von einer Berliner Bierschänke, die in ihrem Bücherregal Konferenz der Tiere von Erich Kästner führte und sich durch zahlreiche Anfeindungen aus dem Kingdom gezwungen sah, kleinlaut das Werk aus dem Regal zu entfernen, nicht ohne sich ausgiebig zu entschuldigen. Der Grund: Im Buch komme das N-Wort vor. Dass Kästner antifaschistische und pazifistische Literatur schrieb, würde dabei völlig übergangen. Natürlich ist es richtig, sich gegen Rassismus auszusprechen, ob das Entfernen des Buches dazu wirklich beiträgt, ist fraglich. Einige Schriften kritisieren außerdem das Konzept der Schutzräume, in denen bestimmte Begriffe, die bei Betroffenen das Wiederaufleben von Traumata beschwören könnten, verboten werden. Nach Meinung der Autor*innen, seien diese Räume aber mittlerweile nicht mehr dazu da, um Opfer zu schützen, sondern nur noch um Übertreter*innen gnadenlos vor dem Dorfgericht an den Pranger zu stellen. Die Lösung sei nicht, Betroffene in Watte zu packen, sondern ihnen zu mehr mehr Selbstbewusstsein zu verhelfen. Dieser Ansatz fehle im Königreich aber völlig.

Zwang zum Konsens

Indessen haben sich die Buchdrucker*innen-Gilden Krug & Schadenberg und Männerschwarm solidarisch um L’Amour LaLove versammelt und schließen sich ihrer Verbannung an. Noch immer schweigen die Fanfaren, denn die Veranstalter*innen von Queeres Verlegen haben sich bisher nicht zu dem Vorfall geäußert. Welchen Sinn hat eine queere Buchmesse, wenn Kritiker*innen wegen Ketzerei verbannt werden? Das Königreich spielt sich als Großinquisitor auf und zeigt damit genau das Verhalten, welches in Beißreflexe angeprangert wird. Schade, dass eine Bewegung, die sich selbst als besonders progressiv wahrnimmt, doch in der Vergangenheit hängen geblieben ist und immer tiefere Burggräben um ihre Schlossmauern baut.