Raus aus der Blase – rein in die Praxis

Authentisch die Fremdsprachenkenntnisse aufbessern – das verspricht das Café Lingua (foto: Orga Café Lingua)

Bereits im Sommersemester startete das Studierendenwerk der Universität Duisburg-Essen (UDE) am Campus Duisburg das Pilotprojekt „Café Lingua“ – ein Sprachcafé, das Interessierten ermöglichen soll, sich in authentischer Atmosphäre mit Muttersprachler*innen und anderen Lernwilligen in der gewünschten Fremdsprache auszutauschen. In diesem Semester ist das Projekt an beiden Campi angekommen. akduell-Redakteurin Mirjam Ratmann hat es in Essen getestet.

„Hablas español? (Sprichst du Spanisch?)“, „Äh sí un poco (Äh ja, ein bisschen)“ – mehr bekomme ich nicht heraus, als ich im Café Rosso stehe und mich nach der spanischen Sprachinsel umschaue. Ich ärgere mich: Eigentlich sollte ich mehr als einen stotternden Satz herausbringen. Drei Jahre Spanischunterricht in der Schule, inzwischen der dritte Sprachkurs an der Uni und trotzdem fühle ich mich nicht fähig die Sprache fließend zu sprechen.

Viele kennen dieses Szenario: Die Zeitformen werden beherrscht, Filme in der Originalfassung geschaut, aber wenn es ans Sprechen geht, hakt es. Zu viele Pausen zwischen Sprachkursen, zu wenig Praxis. So geht es nicht nur mir, sondern vielen Studierenden, wenn sie eine Fremdsprache erlernen oder an einer Uni im Ausland ihr Studium aufnehmen. „Laut Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) gehört es zu den größten Herausforderungen für internationale Studierende, Kontakte zu deutschen Studierenden zu knüpfen und sich in der deutschen Sprache zu verständigen“, erklärt Luciano Oliveira, zuständiger Kulturreferent des Studierendenwerks Essen-Duisburg. Der gebürtige Brasilianer hat das „Café Lingua“ mit ins Leben gerufen.

Auch Gaby, die an der UDE studiert, bestätigt Oliveiras Aussage: „Als Erasmus-Student lebt man oft nur in einer Blase und kommt wenig mit Einheimischen in Kontakt“, so die 25-Jährige über ihre eigene Auslandserfahrung. Auch deshalb hat sie gleich zugesagt, als sie die Möglichkeit bekam, beim „Café Lingua“ mitzumachen: „Luciano und ich kannten uns schon vorher aus einem Sprachkurs, somit war das Interesse an Sprache und Kultur bei uns beiden schon da.“ Sie ist eine von mehreren Language-Guides, die, in ihrem Fall an der Deutsch-Sprachinsel, Gespräche von Interessierten moderieren und bei Problemen mit Vokabeln oder ähnlichem Hilfestellung geben soll.

„Die Language Guides sind Freiwillige, die entweder Muttersprachler sind oder die Sprache mindestens auf C1-Niveau beherrschen“, erklärt Oliveira. Beim Sprachcafé sind sie jedoch keine Lehrer*innen, die Sprachunterricht geben, sondern eine Art Gastgeber*innen, „die jeden Teilnehmer individuell wahrnehmen und in das Gespräch integrieren sollen“, sagt der Kulturreferent, „Im Regelfall passiert das ganz natürlich, weil sich die Teilnehmenden aneinander anpassen“.

Authentische Sprachsituation?

An der Spanisch-Sprachinsel passiert das an diesem Abend leider nicht. Zunächst soll jede*r sagen wie lange er*sie schon Spanisch spricht. Ich merke relativ schnell, dass Anfänger*innen am Tisch sitzen, ebenso andere, die schon etwas geübter sind. Die meisten sind deutsche Muttersprachler*innen. Zunächst sammeln wir Vokabeln, die mit einem bestimmten Buchstaben anfangen, anschließend spielen wir „Wer bin ich?“ auf Spanisch. Ein richtiger Dialog, wie er an anderen Tischen zu beobachten ist, entsteht nicht. „Unser Ziel ist es nicht, die ideale Sprechsituation für Anfänger, sondern eine reale Begegnung zwischen Sprachinteressierten zu ermöglichen“, erläutert Oliveira. Authentisch fühlt sich mein Abend am Spanisch-Tisch, umringt von deutschen Muttersprachler*innen, allerdings nicht an.

Das Sprachangebot wechselt von Termin zu Termin. „Bis jetzt waren Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Japanisch, Arabisch, Russisch, Chinesisch, Türkisch, Italienisch und Portugiesisch vertreten“, sagt Kulturreferent Oliveira. Wird eine Sprache besonders stark nachgefragt, so wie an diesem Abend Deutsch und Englisch, werden zwei Gruppen gebildet. Nicht immer gehen die Teilnehmenden nach dem Café Lingua getrennte Wege: „Ich habe auch schon gesehen, dass Leute danach noch zusammen was trinken gegangen sind“, sagt Gaby. Nun, bei soviel positiver Resonanz werde ich dem Ganzen wohl noch eine zweite Chance geben.