Wohnungslos und ausgegrenzt

Mehr als eine Spendenausgabe: vergangenen Samstag wurde in Bochum auch gemeinsam gegessen und gefeiert. (Foto: lenz)

Immer mehr Menschen in Nordrhein-Westfalen sind wohnungslos und die kalten Monate haben begonnen. Vergangenen Samstag, 25. November, fand in Bochum ein von der Diakonie organisiertes Fest statt, bei dem Spenden an wohnungslose Menschen verteilt wurden. Im Vorfeld wurden bereits Kleiderspenden gesammelt.

Rock’n’Roll-Riffs waren schon von Weitem zu hören und begleiteten zum Ort des Geschehens: Der Beratungsstelle für alleinstehende wohnungslose Männer. Draußen wurden Speisen aufgetischt, gegessen und den musikalischen Beiträgen gelauscht. Die Kleiderspenden wurden in den Räumlichkeiten der Beratungsstelle entgegengenommen und ausgegeben.

Die Grundidee zur Veranstaltung sei schon im letzten Jahr entstanden, erklärt Christiane Caldow, Teamleitung der Wohnungslosenhilfe der Bochumer Diakonie. Michael Doering, der beim Schauspielhaus Bochum arbeitet, kam im letzten Jahr auf sie zu, hatte das Konzept Weihnachten im Schuhkarton im Kopf und suchte einen Kooperationspartner zum Verteilen der Geschenke. „Er hat Not und Armut auf dem Weihnachtsmarkt beobachtet und zu mir gesagt ‚Die einen kaufen sich etwas an der Bude, die anderen fischen Reste aus dem Mülleimer. Was ist denn hier los?‘“, schildert Caldow. Im weiteren Verlauf der Vorbereitung des Festes sind immer mehr Institutionen dazu gekommen, das Schauspielhaus informierte über einen Flyer zum Hintergrund der Aktion. Die schlussendlich entstandene Initiative ist „ein Bündnis gegen Armut, um Solidarität zu zeigen und nicht nur darüber zu sprechen“, so Caldow. Bewusst haben sie sich dafür entschieden, die Aktion bereits im November stattfinden zu lassen: „Wir haben es vor der Weihnachtszeit gemacht, damit nicht diese ganz typische Jahresendzeitstimmung mit einfließt.“

Eine Situation, viele Gründe

Mario war eineinhalb Jahre obdachlos, Eva hatte fünf Monate keine Wohnung. „Ich habe erst in der Bahn geschlafen, bis mir jemand sagte, dass es die Diakonie gibt“, erzählt Mario, der zunächst gar nicht wusste, was die Organisation anbietet, „die machen ja eine Menge, die engagieren sich richtig. Wenn es das nicht gäbe, hätten wir ein richtiges Problem.“

„Ich wurde im Mai obdachlos und da kannte ich nur die Beratungsstelle für Frauen, da bin ich hin und musste im Fliednerhaus in der Obdachlosenstelle übernachten. Dort habe ich von der Stelle hier erfahren“, so Eva. In die Wohnungslosigkeit kamen beide aus unterschiedlichen Gründen: Das Haus, in dem Mario zehn Jahre wohnte, wurde wegen Bergbauschäden abgerissen. Nach dem Tod von Evas Großmutter musste sie sich eine neue Wohnung suchen und hat es nicht geschafft. „Und dann war es noch schwieriger, eine Wohnung zu finden, weil man obdachlos ist“, sagt sie. „In dem Moment, wo man obdachlos ist, wird man auch gleich als Obdachloser anerkannt. Du bist kein Mensch mehr“, meint Mario.

Er kritisiert die gesellschaftliche Stigmatisierung: „Die Schublade heißt Obdachlosigkeit: Du bist nichts, du kannst nichts, du hast nichts.“ Eine Wohnung zu bekommen scheitere meist an den Vorurteilen der Wohngesellschaften: „Die haben noch immer das denken wie vor 20 Jahren: Der Mann ist obdachlos, der ist dreckig, der ist Alkoholiker, Drogen-Junkie. Und ich entspreche gar nichts von dem. Ich bin einfach in der Obdachlosigkeit aus einer dummen Situation heraus“. Auch Eva wehrt sich, über einen Kamm geschoren zu werden, denn „jeder hat sein Schicksal erlebt, warum man in diese Situation gekommen ist“.

Die Ausgrenzung ist zum Teil sogar eine räumlich geplante. Im Jobcenter etwa gibt es eigene Abteilungen für Wohnungslose. In vielen Fällen werden sie in separaten Gebäuden untergebracht. „Da steht vorne richtig fett drauf ‚Wohnungslosenhilfe‘ und jeder, der daran vorbei geht, denkt ‚Ah, guck mal, da sind die Obdachlosen‘“, so Eva. Dabei kann Obdachlosigkeit sonst auch unbemerkt bleiben: „80 Prozent von den Leuten, die hier sind, würde man überhaupt nicht ansehen, dass sie obdachlos sind“, erklärt Mario. Dank Duschmöglichkeiten bei der Diakonie und Kleiderspenden müsse man weder schlecht riechen noch kaputte Kleidung tragen, meint er. Über den Umgang in den Ämtern regt auch er sich auf: „Man sieht vernünftig aus, trotzdem wird man nicht wahrgenommen. Dann ist auch die Diakonie ein Ansprechpartner, der dafür sorgt, dass man so behandelt wird, wie man sollte: als Mensch“.

Der harte Weg zurück

„Ich habe überall angerufen, es war nie was. Dann haben wir mit der Frauenberatung eine Anzeige in den Stadtspiegel reingelegt ‚Junge Frau sucht Wohnung“ und am gleichen Tag hat jemand angerufen, ich durfte mir die Wohnung angucken und dann nehmen“, beschreibt Eva ihren Weg von der Straße weg. Im August konnte sie den Vertrag unterzeichnen, im Oktober einziehen. „Die Frauenberatung hat mir auch geholfen, als ich zum Beispiel Probleme mit der Erstausstattung hatte. Die wollten mir das nicht genehmigen und dann hat jemand von der Beratung beim Teamleiter vom Jobcenter angerufen und auf einmal ging alles.“ Sie ist vor allem darüber froh, jetzt im Winter wieder eigene vier Wände und ein Dach über dem Kopf zu haben – auch weil eine Wohnung im Winter zu finden noch schwieriger sei. „Ohne die Diakonie wären wir nicht so weit, wie wir jetzt sind“, so Eva.

Auch Mario hat durch die Diakonie eine neue Wohnung gefunden. Beide besuchen jedoch weiterhin die Einrichtungen der Diakonie, halten Kontakte und nehmen Hilfen in Anspruch: „Das sind ja auch gleichzeitig Sozialarbeiter. Das heißt, es wird nicht alles abgeschlossen, nur weil man eine Wohnung hat“, so Mario. Ob bei Behördengängen, der Einrichtung der Wohnung, gesundheitlichen Problemen: die beiden fühlen sich gut unterstützt. „Auch wenn man Gespräche sucht, die sind ja auch wichtig. Das sind ja Diplompsychologinnen und Pädagogen“, ergänzt Mario.

„Ziel der Wohnungslosenhilfe ist immer die Reintegration des Menschen in Wohnraum und auch in Arbeit. Diese Kernpunkte sind das Ziel, aber oft nicht das Ergebnis“, äußert sich Caldow zu ihrer Arbeit. Manche Menschen seien etwa zu krank oder eingeschränkt, um allein in einer Wohnung zu leben, weshalb sie an Pflegeeinrichtungen weitervermittelt werden. „Häufig kommen Menschen erst zu uns, wenn der Wohnraum schon verloren ist, wo wir nicht mehr darum kämpfen können. Wenn Wohnraum verloren ist, geht es darum ob es Ausweispapiere gibt, damit man überhaupt den Rechtsanspruch auf Transferleistungen stellen kann“, so Caldow. Da jeder Mensch mit einer eigenen Ausgangslage komme, müsse die Hilfe auch individuell an sie angepasst werden.

Die Notversorgung aufrecht zu erhalten und weiterzuentwickeln, etwa durch den Neubau der Notschlafstelle im kommenden Jahr, ist ein Kernpfeiler. Darüber hinaus würde sich Caldow ein Mandat für Streetwork wünschen, das bislang für Erwachsene in Bochum nicht vorhanden ist, denn „es gibt viele Menschen im Bochumer Stadtbild, die wir nicht erreichen. Diese Personen kommen nicht in den Tagesaufenthalt oder in die Beratungsstelle. Dennoch sind sie von Armut, Wohnungs- und Obdachlosigkeit betroffen.“ An der Politik dranzubleiben, den Bedarf immer wieder aufzeigen, sieht sie auch als ihre Aufgabe.