Aufregen lohnt nicht

Oh du lieber Nahverkehr, es ist wirklich schwierig, sich einen Tag nicht über dich zu ärgern, zu fluchen oder zu jammern. Dabei lohnt das gar nicht. Denn die Verkehrsbetriebe machen keine Anstalten, in naher Zukunft etwas an der Misere zu ändern. Finden wir uns also doch lieber mit der Situation ab. Grüne Hauptstadt Europa, adé!

Verlässlich unpünktlich: die Ruhrbahn. (Foto: rat)

„Aufgrund von hohem Verkehrsaufkommen kommt es auf der Linie 109 zu Verspätungen“. Morgens 7.45 Uhr an der Haltestelle Alfred-Krupp-Schule in Essen-Frohnhausen. Alltäglich grüßt das Murmeltier: Die Frohnhauser Straße ist verstopft mit Autos. Höchstens vier PKWs kommen bei der Grün-Phase an der Martin-Luther-Straße über die Kreuzung, danach wieder Stillstand. Die Abgase tanzen nur so durch die Luft. Um 7.47 Uhr sollte die Bahn kommen. Aber wenn es eins gibt, was die Ruhrbahn, wie sich seit September 2017 der Zusammenschluss von den Essener und den Mülheimer Verkehrsbetrieben nennt, kann, dann ist es, verlässlich unpünktlich zu sein. Warum also morgens aus dem Haus hetzen, wenn man mit gemütlichem Gang die Bahn, die dann eher um 55 kommt, allemal noch schafft. Und auch die laut Fahrplan geltende Fahrzeit von acht Minuten wird durch die Wartezeit vor dem oder im U-Bahn-Tunnel zwischen Thyssen-Krupp und Berliner Platz relativiert.

Grüne Hauptstadt? Pustekuchen!

Auch wenn sie oft nicht so tut: Essen ist, gemessen an den Einwohner*innenzahlen, eine Großstadt! Dieses berüchtigte „hohe Verkehrsaufkommen“ scheint für Essen aber eine ganz außergewöhnliche Erscheinung zu sein. Das Problematische: Viele U-Bahn- und Straßenbahnlinien haben keine separaten Bahntrassen und müssen sich die Straße mit den Autos teilen. Und da die Essener*innen ja nicht auf ihr geliebtes (Diesel-)Auto verzichten können und wollen, kommen sich beide Verkehrsmittel stetig in die Quere. Straßen, wie die Frohnhauser Straße, sind viel zu schmal, um die Massen an Autos und dazu noch Busse und Bahnen zu „befördern“. Da haben Stadtplaner*innen einst ganze Arbeit geleistet. Am Wochenende und nachts unter der Woche mutiert Essen dann erst recht zur Kleinstadt: Samstags und sonntags fahren Bahnen nur alle 15 bis 20 Minuten und Montag bis Freitag gibt es ab halb zwei Uhr nachts keine einzige Verbindung mehr aus der Innenstadt in die einzelnen Stadtteile. Nach Köln hingegen kommt man noch ohne Probleme. Außerdem sind immer noch wenige nicht-barrierefreie Bahnen im Einsatz. Fahrradwege gibt es spärlich oder sind nur mäßig sicher. Ein besser ausgebautes Verkehrsnetz könnte dazu führen, dass mehr Menschen die Bahn oder das Rad anstelle des Autos benutzen und so langfristig das Klima entlasten. Vielen dürfte die Unzuverlässigkeit der Bahnen als ausschlaggebendes Argument für das Auto dienen. Ein Diesel-Fahrverbot hatte Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU) im Übrigen erst vor kurzem ausgeschlossen. „Ziel aller Städte ist es, unbedingt Fahrverbote zu vermeiden, weil sie unsozial sind und in Ballungsräumen kaum Wirkung zeigen werden“, so Kufen gegenüber der WAZ. Ja, stimmt, die armen, armen Autofahrer*innen und dieser böse, unsoziale Umweltschutz. Grüner Hauptstadt, adé! Auch der am 27. September vom Stadtrat beschlossene Nahverkehrsplan 2017-2025 bescheinigt Essen eine düstere Zukunft. Zu einer „nachhaltigen Trendwende im Mobilitätsverhalten“ werde er nicht führen und auch keinen „nennenswerten Beitrag zum Erreichen der Klimaschutzziele liefern“. Damit wird auch das bei der Bewerbung für die Grüne Hauptstadt anvisierte Ziel, den Nahverkehr bis zum Jahr 2035 von 19,5 auf 25 Prozent zu steigern, verfehlt. Passenderweise dazu soll auch erst in 15 Jahren auf abgasfreie Antriebe umgestellt werden. Komisch, dass die Essener Verkehrsbetriebe erst im Juni diesen Jahres 74 neue Dieselbusse kauften – während andere Städte schon längst Elektro-Busse eingeführt haben – darin aber keinen Widerspruch mit dem Grüne Hauptstadt-Slogan sahen. Worüber regen wir uns jetzt also nochmal auf?