Mit High-Tech Fashion gegen Überwachung

Eine modische Verschleierung gegen Überwachung (Foto: Pete Woodhead/flickr.com/CC BY SA)

Ein Kollektiv als Unternehmen? Hyphen-Labs, 2016 von vier Women of Color gegründet, versucht sich an dieser Art der Unternehmensführung. Seit 2014 arbeiten die vier Frauen bereits zusammen. Inzwischen sind etwa fünfzehn Personen und Kooperationspartner*innen an den futuristischen Projekten beteiligt, die internationale Aufmerksamkeit hervorrufen. Dazu gehören Virtual-Reality-Räume, wie ein Haarsalon von schwarzen Frauen zur Weiterentwicklung des menschlichen Gehirns und Fashion gegen öffentliche Überwachung und Drohnen.

„Eine Rechtsform Kollektiv gibt es nicht“, schreibt die Vernetzung Berliner Kollektive auf ihrer Homepage und erklärt weiter, dass Entscheidungen im Kollektiv vom gesamten Betrieb getroffen werden und die Löhne nach Bedarf oder gleich ausgezahlt werden. Ein solcher Zusammenschluss, der rechtlich jedoch nicht als Kollektiv betrachtet wird, ist auch das Designkollektiv Hyphen-Labs. Vor fast zwei Jahren gegründet und hochexperimentell: Neurowissenschaftlerinnen, Biologinnen, Ingenieurinnen, Sozialpsychologinnen und Künstlerinnen arbeiten zusammen, um die Grenzen von Technologie, Design, Kunst und Wissenschaft verschwimmen zu lassen. „Wir machen kritische Arbeit für kritische Zeiten“, erklärt Neurowissenschaftlerin Ashley Baccus-Clark.

Angeregt von der Unterrepräsentation Schwarzer Frauen in technologischen Zusammenhängen, entwarfen die Erfinderinnen den hypothetischen Virtual-Reality-Beautysalon, in dem alle handelnden Personen schwarze Frauen sind: angelehnt an den traditionalisierten Afro-Shop. In die Haare flechten die Frauen im digitalen Raum auch Metalle und senden elektrische Impulse, erforschen die Gehirnaktivität und dessen Optimierungsmöglichkeiten. Der virtuelle Salon soll einen Gegenentwurf zur Realität darstellen, in dem schwarze Frauen Pionierinnen der Gehirnforschung sind – und gleichzeitig Veränderungen im menschlichen Gehirn der Spielenden durch die dargestellte Symbolik untersuchen. Außerdem soll eine mögliche Epoche technologiebasierter Mode in Weltraum-Ästhetik dargestellt werden.

Politische und philosophische Fragen sollen durch reale Produkte thematisiert werden, die auf dem Spiel aufbauen: Zum Beispiel Kamera-Ohrringe, die schwarzen Frauen Sichtbarkeit und Schutz gewährleisten sollen, etwa wenn ihnen bei einer Polizeikontrolle das Mobiltelefon zum Filmen abgenommen wird. Eine weitere Erfindung sind reflektierende Brillen, hinter denen frau unentdeckt bleibt und die spiegeln, um Erwartungen anderer in menschlichen Interaktionen zu symbolisieren.

Gesicht zu zeigen ist out

Gemeinsam mit dem Künstler Adam Harvey, der in Berlin ansässig ist, entwickelten die Designerinnen „HyperFace“-Textilien, auf denen rasterähnliche Muster gedruckt sind. Schwarze Vierecke, die Überwachungskameras bis zu 1.200 Gesichter vortäuschen und dessen Algorithmen verwirren. Ein pinker Schal, der durch Lichtreflektionen verhüllt. Mode, die sich direkt mit den Konsequenzen von flächendeckender Überwachung auseinandersetzt und Privatsphäre zurückholen soll. In einem vorangegangenen Projekt Harveys erfand dieser Make-up und Haardesigns, die Gesichtserkennung unmöglich machen – durch gemalte Schattierungen, fehlende Tiefen und von Haaren verdeckten Gesichtspartien. Harvey entwickelte auch hitzereflektierende Burkas und Kopftücher, in denen Silber eingearbeitet ist, um sich vor dem Wärmeerkennungssystem von Drohnen verstecken zu können.

Die Designer*innen entwickeln überwiegend Prototypen von Produkten, die besonders den Alltag Schwarzer Frauen verbessern sollen. Massenhaft wird jedoch nicht produziert. Bisher sind die Erfindungen nicht käuflich und wären auch sicherlich vorerst nicht erschwinglich. Damit wird der Zugang zu Verbesserungsmöglichkeiten verwehrt und die Erfindungen haben politisch somit rein symbolischen Charakter.

In London werden einige Anti-Überwachungs-Haar- und Makeup-Trends bereits routinemäßig auf der Straße getragen – Gesicht zu zeigen ist out in der vielgefilmten Stadt. In anderen Staaten wie Österreich, wo seit einigen Monaten das Verhüllungsverbot in Kraft getreten ist, können die Trends strafrechtlich relevant werden, ebenso wie beispielsweise in Deutschland auf Demonstrationen. Die Produkte und Philosophien des Unternehmens verweisen auf die in George Orwells Dystopie 1984 angedeutete Realität, stehen jedoch in der realen Geschichte den Menschen der Überwachung nicht schutzlos gegenüber.