Eine Woche um den Wald

Nachdem am vergangenen Dienstag, 28. November, ein Rodungsstopp im Rechtsstreit mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) gegen RWE im Hambacher Forst erwirkt wurde, entspannt sich die Lage im besetzten Waldgebiet nahe Köln. Am Donnerstag, 30. November, diskutierte auch der nordrhein-westfälische Landtag über den letzten Urwald Deutschlands, der fast vollständig gerodet werden soll – für die darunterliegenden Braunkohlevorkommen. Wir sprachen vor Ort mit den Besetzer*innen zur aktuellen Lage und den Jungen Grünen Essen, die gemeinsam am Samstag eine Solidaritätsaktion vor der RWE-Zentrale ins Leben gerufen hatten.

Ein Blick in den Hambacher Forst bei Köln zeigt eins der vielen Baumhäuser, in denen sich Aktivist*innen niederließen . (Foto: lys)

Am Montag, 27. November, begannen die Rodungen im Hambacher Forst, rechtlich gestützt durch einen Gerichtsbeschluss, der dem Energiekonzern RWE erlaubt, auf 173 der insgesamt über 220 Hektar großen Waldfläche zu roden. „If the present rates of global deforestation continue, only about ten percent of the global forest will remain by 2030. The estimates of carbon dumped into the atmosphere from the deforested wood and humus biomass alone is about 17 percent of total global emissions“, erklären die Aktivist*innen vom Hambacher Forst auf ihrer Homepage. Sie protestierten am Montag im Hambacher Forst, indem sie Menschenketten bildeten und Barrikaden ausweiteten, um die Maschinen von RWE aufzuhalten. Die Polizei setzte daraufhin Pfefferspray ein, was anschließend von den Aktivist*innen als unangemessen kritisiert wurde.

„Going into that area is a sad, surreal and infuriating experience“, schreiben die Waldbesetzer*innen weiter über die in zwei Tagen passierten Abholzungsmaßnahmen. Mehr darf vorerst nicht gerodet werden.

Um 18 Uhr am Dienstag lagen die Maschinen des Energiekonzerns still – wegen einer Klage gegen die Rodungserlaubnis beim Oberverwaltungsgericht Münster, durchgesetzt von BUND. „Die RWE Power AG muss bis zu einer Entscheidung des Gerichts im anhängigen Eilbeschwerdeverfahren von weiteren Rodungs- und Abholzungsmaßnahmen im Hambacher Forst absehen“, erklärt das Gericht in einer Pressemitteilung. BUND plädiert dafür, das Gebiet in die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der Europäischen Kommission mit einzubeziehen und somit in ein Naturschutzgebiet zu verwandeln. Begründet wird das Vorhaben mit dem Vorkommen der Bechsteinfledermaus, das der EU-Kommission hätte gemeldet werden müssen. Das Eilbeschwerdeverfahren findet im Januar statt. Am Abend verabschiedeten sich die Besetzer*innen dann bei der Polizei, „indem Musikboxen auf die Zufahrtsstraße gestellt und gefeiert wurde“, erklärt Aktivist Max aus dem Hambacher Forst.

Im Urwald mitten in Deutschland

Bis zum Verfahren nutzen die Waldbesetzer*innen die Zeit, die Infrastruktur im Wald auszubauen und den Kampf um den Hambacher Forst in die Öffentlichkeit zu tragen. Eine lange Zufahrtsstraße führt zum Waldgebiet, an dem vorn die „Wiese“ als Sammelpunkt dient. Bemalte Caravans und Erdhäuser säumen den Weg zur Gemeinschaftsküche, wo regelmäßig Unterstützer*innen Essensspenden vorbeibringen. „Gestern wollte die Polizei die Barrikaden auf der Verbindungsstraße zur ehemaligen A4 räumen, entschied sich dann doch dagegen. Durch diesen Gerichtsbeschluss, den Rodungsstopp, hat sich die Lage entspannt, jedoch heißt Rodungsstopp nicht Räumungsstopp“, erklärt Max im Nebenraum, der aus Couchen und Isolierplane besteht. „Wir können jederzeit geräumt werden.“ Er selbst lebt im Hambacher Wald, und die Bedrohung „des Projekts, das sich über viele Jahre aufgebaut hat“, ist allgegenwärtig. Der politische Kampf, das bedeutet für einige Aktivist*innen auch Bagger zu zerstören und Barrikaden zu bauen – „die meisten Menschen organisieren sich in kleineren Gruppen, das erklärt die Diversität der Aktionen. Viele sind jahrelang Polizeigewalt ausgesetzt und reagieren aggressiver und direkter auf die Polizei,“ so Max. Intern sei man solidarisch miteinander, kritisiere sich jedoch gegenseitig.

Im Wald weisen Schilder die Wege zu den „Baumhaus-Dörfern“ aus. Rechts geht es nach „Gallien”, wo es Baumhäuser mit Solarzellen auf den Dächern gibt und einen beheizten WLan-Spot. Banner, die zum Beispiel „Klimaschutz ist Handarbeit“ sagen, sind an den Baumhäusern angebracht, die in bis zu zwanzig Metern Höhe in den Bäumen halten; hoch kommt man mit Leitern oder Kletterausrüstung. Überall sind Sprüche, Anarchiezeichen und Aufforderungen wie „don’t assume somebodys gender – Ask“ gemalt. Etwa zwanzig Personen sind gerade in Gallien, machen Akrobatik oder besprechen sich. Unzählige streifen durch den Wald, halten Wache oder kochen. „Es ist eine Mischung aus aktivem politischem Kampf gegen Braunkohleverstromung und gleichzeitig eine andere Lebensweise zu entwickeln, die nicht auf Hierarchien aufbaut. Diese Mischung aus gegen etwas kämpfen und etwas Neues erschaffen zeichnet das Projekt aus“, beschreibt Max den Alltag im Hambacher Forst. Aus Gallien durch den Wald geht es weiter zur Zufahrtsstraße, dahinter stehen Bagger von RWE in riesigen hellbraunen Erdlöchern, die man weder überblicken kann, noch betreten darf. Der Kontrast spricht Bände.

Samstag ist Solidaritätstag

Der Samstag, 2. Dezember, wurde von der Kampagne Ende Gelände, die mit dem Hambacher Forst verknüpft ist, zum Solidaritätstag erklärt. Einen Baum zu besetzen stand im Aufruf an verschiedene Gruppen. Kundgebungen und Protestaktionen fanden unter anderem in Kassel, Marburg, Leipzig, Frankfurt am Main, Bochum, Gießen und Berlin statt – und in Essen direkt vor der RWE-Zentrale. Etwa 30 Personen fanden sich um 13 Uhr am Opernplatz zusammen, „Grüne und Klimaaktivist*innen, auch Leute von der Stadt Essen waren bei der angemeldeten Kundgebung, jedoch niemand von RWE. Wir haben über die Sachlage zum Wald aufgeklärt und anschließend in der Innenstadt selbstdesignte Flyer verteilt“, erklärt Sarah von den Jungen Grünen Essen, die die Aktion zusammen innerhalb von fünf Tagen ins Leben riefen. „Der Kampf um den Hambacher Forst geht seit den 1970er Jahren und ist ein symbolischer zwischen Lebensraum und kapitalgesteuerter Wirtschaft.“ Ihre Mutterpartei, die Grünen, sind die Einzigen im Landtag, die sich mit friedlichen Protesten gegen die Rodungen solidarisieren – obwohl sie selbst in der vergangenen Legislaturperiode die grundsätzliche Rodung des Walds mitbestimmt haben. Sarah sieht das als Fehlentscheidung.

Die CDU erklärte bei der Landtagsdebatte über den Hambacher Forst am Donnerstag, sie sehe die Rechtssicherheit in Gefahr. Sarah sagt dazu, dass der„rechtliche Rahmen 1973 entstanden ist – das ist nicht mehr zeitgemäß.“ Sie weist auf den neuen Markt für erneuerbare Energien hin, in den nicht investiert würde. Die Motivation fehle und so bliebe es bei veralteten Strukturen, obwohl mit innogy, dem Tochterunternehmen von RWE, Nachhaltigkeit suggeriert würde. Mit Investitionen in erneuerbare Energie könne auch das von der FDP beschworene Energiedefizit ausgeglichen werden. Dem Fakt, dass Arbeitsplätze beim Braunkohleausstieg verloren gehen würden, hält Sarah mögliche Umschulungen entgegen und verweist auf eine Pflicht gegenüber folgenden Generationen. Den Vorwurf des Terrorismus von der CDU weist sie vehement zurück und sagt, dies verharmlose wirkliche Terrorakte.

Im Hambacher Forst wurde derweil über das Wochenende eine Strandbar gebaut und ein Konzert organisiert. „Durch die Besetzung tauschen sich Leute auf der ganzen Welt aus – das kann nicht geräumt werden“, meint Max.