Aggressionstrigger: studentische Pendler*innen

Pendeln gehört für viele Studierende der UDE zum Alltag. Die Gründe dafür reichen weit auseinander. (Foto: caro)

Vergangenen Montag, 8. Januar, teilte die Universität Duisburg-Essen auf Facebook einen Kommentar mit dem Titel „Warum mich studentische Pendler aggressiv machen“ von Jana Gilfert, Volontärin bei der Westen. Die Argumente der Pendler*innen seien laut Gilfert „absoluter Bullshit“. Ist das so? Unter vielen Studierenden sorgte ihre Meinung für Unmut.

 

Die „bekanntesten Ausreden“ will sie „unter die Lupe genommen“ haben. Woran Gilfert diesen Bekanntheitsgrad festmacht oder ob sie vielleicht gerade die Begründungen ausgewählt hat, die ihr persönlich am häufigsten erscheinen, ist unklar.

Punkt Nummer eins. Die finanzielle Situation. Dass Studierende es sich nicht leisten können, von Zuhause auszuziehen, will Gilfert nicht gelten lassen und verweist darauf, man habe mindestens Zeit für einen 400-Euro-Job. Denn: „In der Zeit, in der man jeden Tag in der Bahn rumsitzt, könnte man auch einfach arbeiten gehen.“ Und wenn alle Stricke rissen, bliebe noch BAföG oder ein Studienkredit. Nur wer auszieht, lerne Eigenverantwortung zu übernehmen. Wie man von 400 Euro Miete und Lebensunterhalt bestreiten kann, bleibt aber Gilferts Geheimnis. Außer Acht lässt sie zudem, dass nicht jede*r den BAföG-Höchstsatz bekommt und viele Studierende nicht unterstützungsberechtigt sind, weil ihre Eltern gerade genug verdienen, aber dennoch zu wenig, um ihren Kindern ein Studium finanzieren zu können. Auch wenn ein Studienkredit zunächst für Erleichterung sorgen kann, ist mit ihm zusätzlicher Druck während und nach dem Studium verbunden, entsprechende Leistungen zu erreichen, um einen Job zu erhalten, der die Rückzahlungen überhaupt ermöglicht.

Streit um Eigenverantwortung und Reife

Dass nur ein Auszug aus dem elterlichen Haus zu Eigenverantwortung führt, stößt auch den Studierenden in der Kommentarspalte des Facebook-Beitrags bitter auf. Eine Userin meint: „Es ist einfach nervig sich von Leuten sagen zu lassen, sie seien reifer und erwachsener, nur weil sie nicht mehr bei den Eltern wohnen, wenn man auf der anderen Seite eventuell bei der Familie viel mehr Verantwortung trägt als ein Alleinlebender, der sich nur um seine eigenen Probleme sorgt.“ Gilfert zeichnet ein Bild von Studierenden, die sich von den Eltern rundum bedienen lassen und ein sorgenfreies Leben genießen. Dass das nicht unbedingt der Realität entspricht, passt nicht zu ihrer Meinung. Gründe, wie die Pflege Angehöriger oder Aspekte, die die eigene physische oder psychische Gesundheit betreffen, werden ignoriert. Ebenso der Punkt, dass ein Teil der Pendler*innen in ihrem Wohnort bereits einem Nebenjob nachgeht oder aber allein durch die Vorgabe des Stundenplans und den Umfang des Studiums keinen geeigneten Nebenverdienst finden können. Nicht zuletzt kommt in einigen Universitätsstädten noch der Wohnungsmangel hinzu. So werden seit Jahren in Großstädten von NRW – wie Köln und Düsseldorf – von den Studierendenvertretungen Notunterkünfte eingerichtet, damit noch suchende Studierende nicht auf der Straße oder anderswo schlafen müssen.

Das größte Problem in Gilferts Argumentation ist allerdings die Begrifflichkeit des Pendelns. Sie schreibt zwar allgemein von studentischen Pendler*innen, führt aber immer wieder an, dass diese auf dem Dorf leben würden. Dabei zählen diejenigen als Pendler*innen, die auf dem Weg zwischen Wohn- und Arbeitsort die Gemeindegrenzen überqueren. Das heißt, wer in Duisburg wohnt und in Essen studiert, gehört bereits dazu. UDE-Pressesprecherin Beate Kostka gibt an, dass an der UDE 61 Prozent der Studierenden „aus dem unmittelbaren Einzugsgebiet“ der Universität kommen – „die Hälfte von ihnen wohnen entweder in Duisburg (5.145) oder in Essen (6.835)“. Weiter meint sie: „Der Wohnort ist nicht entscheidend dafür, wohin man sich beruflich oder in der Freizeit orientiert. Entscheidend ist doch, wo man das beste Angebot vorfindet, das muss nicht unbedingt immer in derselben Stadt sein.“ Aber selbst wer in einer der Studienstädte der UDE wohnt, jedoch an beiden Campussen studiert, ist faktisch Pendler*in. Ein Facebook-User fasst die Absurdität der Aussage Gilferts zusammen: „Es ist schon ziemlich einseitig, bei einer dezentralen Universität den Studenten mangelnde Zentralisierung vorzuwerfen.“

Verwirklichung von Träumen

Des Weiteren ärgert sich die Volontärin über die Begründung, pendelnde Studierende wollten ihre Schulfreund*innen nicht verlieren und mehr Zeit mit ihren Partner*innen verbringen. Dass sich der Freundeskreis und Beziehungen im Laufe des Lebens verändern sowie weiterentwickeln ist natürlich, dennoch sollte jede*r selbst so viel Einfluss darauf nehmen können, wie er*sie möchte. Die „Verwirklichung seiner Träume“ muss nicht zwingend der Studienort oder das Studienfach sein, es kann auch das soziale Umfeld sein. Und wenn es „im Pott auf jeden Fall en Masse potenzielle One-Night-Stands“ gibt, ist das nicht für alle das Allheilmittel, um über eine zerbrochene Fernbeziehung hinwegzukommen.

Zuallerletzt kritisiert Gilfert noch die Begründung, das Ruhrgebiet habe nicht allen etwas zu bieten: „Besonders fasziniert mich, wie die pendelnden Studenten über das Ruhrgebiet urteilen, ohne hier jemals gelebt zu haben.“ Faszinierend ist auch, dass sie sich hier über einen Umgang beschwert, den sie selbst durchweg in ihrem Kommentar gepflegt hat. So tritt anstelle fundierter Kritik unterschwellig immer wieder eine Abneigung gegenüber dem Leben im „300-Seelen-Dorf“ mit „Wohnzimmerpartys“ und „Dorfdisco“ auf. So merkt auch eine Studentin an: „Unverschämt, wie hier jemand meint, über andere urteilen zu müssen, mit einem Schreibstil, der weder lässig noch cool ist, sondern einfach nur beleidigend.“

Wer nicht sofort von zu Hause auszieht, hat nicht zwingend „Angst vor dem Erwachsenwerden“, wie Gilfert glaubt, sondern verhält sich womöglich entsprechend der eigenen Lebenssituation gerade dadurch erwachsen und verantwortlich. Dass das Leben in den elterlichen vier Wänden nicht „automatisch Glück“ bedeutet, ist richtig, lässt sich umgekehrt aber ebenso festhalten. So lautet die Kritik einer Studentin gegenüber der UDE: „Ich finde es beschämend, dass die offizielle Seite der Universität so einen Unsinn teilt. Wow.“