Alltagsrassismus im Fitnessstudio?

In dem Verein BSF Hamborn 07 dürfen Sie nur ohne weltanschaulich-religiöse Symbole pumpen. (Foto: BRIT)

Begründet durch die Präsentation religiöser Symbolik werden Kopftuchträgerinnen immer wieder von Sportangeboten ausgegrenzt. Jüngst hat der Duisburger Verein BSF Hamborn 07 einer Mutter mit Kopftuch den Zutritt verboten, als sie ihre Kinder für einen Tanzkurs anmelden wollte. Wie konsequent die Studiobesitzer*innen das Neutralitätsgebot ihrer Satzung – auf das sie sich in diesem Fall berufen – wirklich umsetzen, hat akduell für euch verdeckt getestet.

Es ist 10 Uhr an einem kalten Wochentag als mein Arbeitskollege – nennen wir ihn der Anonymität wegen Paul – und ich in der Eingangshalle von der Fitnessstudiobesitzerin begrüßt werden. Genauso lieblos wie die Einrichtung des Foyers, ist auch das aufgesetzte Lächeln der Leiterin, als sie Pauls Kopfbedeckung erblickt. Heute spielen Paul und ich nicht nur ein schrecklich verliebtes Paar, das schnellstmöglich Teil des Spießbürgertums werden möchte, wir sind außerdem religiös. Jede*r auf seine Weise: Während Paul eine Kippa – eine kreisförmige Kopfbedeckung, die den Glauben von Juden ausdrückt – trägt, hängt um meinen Hals ein daumengroßes christliches Kreuz.

„Es wäre schön, wenn du das Ding für das Probetraining ausziehen könntest“, sagt die Leiterin und zeigt irritiert auf seinen Hinterkopf. Ihr verblüffter Gesichtsausdruck verrät, die Begegnung mit der jüdischen Kopfbedeckung ist eine Premiere für sie. Paul hilft ihr auf die Sprünge: „Sie meinen die Kippa.“ Mit einem gleichgültigen Lächeln winkt sie eine Mitarbeiterin zu sich, die uns zu den Umkleidekabinen führt. Mein Kreuz bleibt unbemerkt.

In der Kabine ist es dann nicht mehr schwer festzustellen, wie das Publikum des Fitness-Centers aufgestellt ist. Wir befinden uns mitten im konservativen Wohlstand. Mir steigt eine leicht berauschende Mischung aus Kölnisch Wasser, Nelke und einem markanten Schweißgeruch in die Nase, als eine ältere Dame mich darauf aufmerksam macht, dass der Spind keine Spardose sei – ich den einen Euro Pfand anschließend wieder mitnehmen müsse.

Ebenso furchteinflößend sind die rassistischen Gesprächsfetzen, die wohl auch im Kontext wenig Sinn ergeben. „Ich mag Türken, wenn sie sich anpassen. Schließlich leben wir hier in Deutschland“, sagt eine der Frauen. Die Kabinenbesatzung scheint sich in Sachen Stigmatisierung, Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung einig zu sein – wie auch in dem Vorfall, der das Studio vor wenigen Tagen in die Schlagzeilen brachte. Die 29-jährige Kopftuchträgerin Tuba hätte keinen Grund gehabt, sich über die Aufforderung durch das Personal, die Räumlichkeiten zu verlassen, angegriffen zu fühlen. Schließlich verfolge der Verein in seiner Satzung eine weltanschauliche und religiöse Neutralität. Dass Tuba selbst gar nicht trainieren, sondern ihre vier- und sechsjährige Töchter zu einem Schnupperkrus begeleiten wollte, fällt in dieser Sache offenbar nicht ins Gewicht – selbst wenn ihre Kinder keine Kopftuchträger*innen sind.

Eine ganz ähnliche Haltung dazu hat auch der Vorstandsvorsitzende des Studios, Udo Salzburger, der sich Der Westen gegenüber folgendermaßen äußert: „Da eine muslimische Frau das Kopftuch symbolisch als Zeichen ihrer Frömmigkeit und damit als sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zur islamischen Religion trägt, können wir schon allein auf Grund der allgemeinen Gleichbehandlung hier keine Ausnahme machen.“ Zweifelsohne ist das sein gutes Recht. Inwiefern sein virtueller Daumen auf Facebook für den Politiker Hans-Christian Strache der rechtspopulistischen FPÖ dabei eine Rolle spielt, kann sich man sich wohl nur hypothetisch vor dem inneren Auge ausmalen.

Christliches Symbol oder Modeschmuck

Ob eine Kippa oder das Kreuz mit einem islamischen Kopftuch gleichgesetzt werden kann, darf selbstverständlich diskutiert werden. Ob es als Argument ausreichend ist, ein klar als solches zu erkennendes christliches Symbol zu dulden, nur weil man es auch als Modeschmuck lesen kann, ist jedoch zweifelhaft. Auf der Trainingsfläche angekommen, sitzt die Kreuzkette straff an meinem Hals und ist allein durch ihre Größe unübersehbar. Obwohl die Trainerin mir, während sie mich in den Cardio-Bereich einweist, direkt gegenübersteht, bleibt es unentdeckt. Nach dem Warm-Up bittet sie mich darum, den Anhänger unter meinem T-Shirt zu verstecken – nicht etwa die Kette auszuziehen.

An Bauchpresse, Beindrücker und Butterfly rückt das Kreuz immer wieder hervor. Vielleicht ist es der Trainerin zu albern, mich jedes Mal darauf hinzuweisen, das christliche Schmuckstück zu verdecken. Trotzdem scheint es weniger störend, als das Kopftuch einer Mutter, die ihre Kinder zu einem Kurs begleitet, da sie noch zu jung sind, um diesen ohne ihre Hilfe auszuprobieren. Insbesondere weil sie sich nicht auf der Trainingsfläche bewegt hat. Am Ende ist man bekanntlich ja immer schlauer. Denn die anwesenden Kinder werden Zeug*innen von einer peinlich genauen Satzungsbefolgung oder einfach von einer sozialen Ausgrenzung ihrer Mutter.