Die Feindseligkeit in der Normalität

Protest gegen Diskriminierung (Symbolbild: lys)

Ausgerichtet von der Jugendhilfe und Berufshilfe Essen, der Volkshochschule Essen (VHS) und der Universität Duisburg-Essen im Rahmen einer Ringvorlesung der Sozialen Arbeit fand am Dienstag, 9. Januar, in der VHS ein Vortrag zum Phänomen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) statt. Referent Wilhelm Heitmeyer, Soziologe an der Universität Bielefeld, forscht seit mehr als 30 Jahren zu Rechtsextremismus, Konflikten und Gewalt – im Verlauf der Veranstaltung verstrickte sich der renommierte Forscher jedoch in Widersprüche.

Etwa hundert Personen füllen den Saal der VHS bei Veranstaltungsbeginn gegen 18 Uhr, darunter viele Studierende. Man wollte das Thema jedoch aus dem universitären Rahmen in die Gesellschaft tragen, womit die Ortswahl der Vorlesung einleitend erklärt wird. Aber auch die VHS hat eine begrenzte Reichweite und zur freiwilligen Teilnahme an einem Vortrag wie diesen müssen mehrere Hürden – sowohl den Bildungsstand als auch den Informationszugang betreffend – überwunden werden.

Als Heitmeyer auf die Bühne gebeten wird, fängt der inhaltliche Teil des Abends an: Er erläutert die Wechselwirkungen von Krisenerfahrungen und Gesellschaft – und die dadurch entstehenden Normalitätsverschiebungen. Die Rechten hätten die historischen Ereignisse wie 9/11, die Finanzkrise und den Anstieg geflüchteter Menschen genutzt, emotional ausgebeutet und „Provokations-, Raum- und Normalisierungsgewinne“ erzielt. Die Folgen seien Angst und Abwertungsmuster. Dazu beigetragen hätten ethisch-moralische Grenzüberschreitungen, wie Alexander Gaulands (AfD) Äußerung der „Entsorgung in Anatolien“ oder das strukturelle Problem, dass es für Hasskultur problemlos einen Markt gebe.

Eingebettet seien diese Zugewinne rechter Positonen in „Kontrollgewinne des autoritären Kapitalismus“ und gleichzeitigen „Kontrollverlusten des Nationalstaats“, die zu einem Wegfall staatlicher Fürsorge führen. Daraus resultiere für die Menschen wahrgenommene und tatsächliche soziale Desintegration. Gewinner davon sei der „Rechtspopulismus“, Heitmeyer selbst jedoch stuft den Begriff anschließend als verharmlosend ein und schlägt stattdessen „Autoritäre[n] Nationalradikalismus“ vor. So würde die Dimension der Kontrolle (das Autoritäre) deutlicher hervortreten, wo individuelle Ohnmacht in kollektive Machtfantasien gekehrt wird.

Widersprüche und (k)eine Vision

GMF wird auf der Veranstaltungsseite so beschrieben: „Migranten, Juden, Farbige, Flüchtlinge, Homosexuelle oder Obdachlose werden vermehrt im Netz oder auf offener Straße angepöbelt oder gar angegriffen.“ Zum Phänomen gehören jedoch auch hasserfüllte Einstellungen bezüglich solcher stigmatisierten Gruppen wie Langzeitarbeitslosen – und die sind bis weit in die Zivilgesellschaft verbreitet (2002, vor den verstärkenden historischen Krisenereignissen, bei 20 Prozent der deutschen Gesellschaft). GMF und terroristische Zellen wie der NSU befinden sich laut Heitmeyer in einem Kontinuum, sind von ähnlichen Weltbildern der Etabliertenvorrechte geprägt, sie unterscheiden sich am Maß der Gewalt. Die Zwischenräume werden von Heitmeyer als durchlässig beschrieben, als „Membran“. Besonders provokative Äußerungen, die viel Interpretationsspielraum bieten und tendenziell Gewalt gegen Gruppen verharmlosen, würden die Grenzen aufweichen lassen und Übergriffe legitimieren.

Die Ursache des Phänomens der GMF innerhalb der gesellschaftlichen Struktur ist laut Heitmeyer die materielle Ungleichheit, die zum Gefühl der Ungleichwertigkeit führe, was übernommen und gegen andere Gruppen gerichtet wird. Über Antisemitismus wird während des Abends gesondert gesprochen. Offene Feindschaft gegenüber Jüd*innen hätte abgenommen, Antisemitismus drücke sich eher in israelbezogenen Kontexten aus. Weiter führt Heitmeyer Studien seines Instituts an, die einen kontinuierlichen Anstieg von Einstellungen der GMF in der Gesamtgesellschaft aufzeigen, sowie innerhalb der 20 Prozent der Personen mit GMF von 2002 eine steigende Gewaltbereitschaft verzeichnen. Als Beispiel für die Normalisierung menschenfeindlicher Positionen zählt Heitmeyer den fehlenden Aufschrei in Europa nach der „Verdunkelung“ durch „rechtsnationale Vertreter und Regierungen“.

Abschließend erläutert Heitmeyer seine Zukunftsbilanz. In jeder historischen Krise müsse eine sicherheitsspendene Routine helfen, den Zustand der Vorkrise wiederherzustellen. Die Frage, ob Routine und der Zustand der Vorkrise die einzige Vision für die Zukunft sind und wo das hinführt, wenn GMF aus Ungleichheiten folgt, die durch tägliche Routine hervorgebracht werden,  bleibt leider von Heitmeyer bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Während der abschließenden Diskussion war keine Möglichkeit, dies zu hinterfragen; Auch, weil sich – auffälligerweise ausschließlich männliche – Personen viel Raum genommen haben, persönliche Geschichten zu erzählen, das Vorgehen der israelischen Armee zu kritisieren und zum Beispiel zu fragen, ob jüdische Künstler*innen zu boykottieren antisemitisch sei. „Es folgte eine Zustimmung Heitmeyers zu den von den ‚Fragenden‘ geäußerten Inhalten“, erzählt Studentin der Sozialen Arbeit Hannah Obert, Teilnehmerin der Veranstaltung, die beim Jungen Forum Ruhr der Deutsch-Israelischen Gesellschaft aktiv ist. „Er sagte Nein, Kampagnen, die Israel boykottieren seien selbstverständlich nicht antisemitisch. Und ja, wie Israel mit den Palästinensern umgehe, sei natürlich zu kritisieren“. Diese Antworten Heitmeyers tragen auch zur Normalitätserzeugung bei, die er eigentlich analysiert. Obert dazu: „Schade, nach einer gelungenen Analyse dieses Zurückrudern Heitmeyers erleben zu müssen, welches eine Verharmlosung des modernen Antisemitismus in der öffentlichen wissenschaftlichen Debatte illustriert.“