Ein Wissenschaftler auf neurechten Pfaden

Die Identitäre Bewegung und das Institut für Staatspolitik sind eng miteinander verzahnt. (Symbolbild: dpe)

„Über die Faszination des Marxschen Denkens“ hat Lothar Fritze, wissenschaftlicher Mitarbeiter vom selbstständigen Hannah-Arendt-Institut (HAIT) der Technischen Universität (TU) Dresden, am Samstag, 20. Januar, referiert. Ein ganz normaler Vorgang also, wären Ort und Kontext nicht so brisant: Fritze war Gast der Winterakademie des extrem rechten Instituts für Staatspolitik (IfS) in Schnellroda, Sachsen-Anhalt. Konsequenzen hat der 63-Jährige keine zu fürchten, weil er dort „nicht im dienstlichen Auftrag“ auftrat, so der HAIT-Direktor Thomas Lindenberger.

Die Politologin Hannah Arendt wurde mit ihren Theorien zur totalen Herrschaft berühmt. Ihr Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, in dem sie sich mit dem Nationalsozialismus und Stalinismus beschäftigt, wird in der Politikwissenschaft als Hauptwerk geführt. Seit 1993 arbeitet Lothar Fritze nun im HAIT. Der damals 45-Jährige Wissenschaftler machte im Jahr 2000 mit Aussagen auf sich aufmerksam, die weniger den Eindruck vermitteln, er sei geeignet, Mitarbeiter am HAIT zu sein, das sich ebenfalls mit Totalitarismus befasst.

In einem Gastbeitrag bei der Frankfurter Rundschau warf er Johann Georg Elser, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, „moralisches Versagen“ vor. Elser hatte ein Attentat auf die NS-Führung geplant, um den damals bevorstehenden Krieg und die Shoa zu verhindern. Am 8. November 1939 sprach Adolf Hitler im Bürgerbräukeller in München. Elser hatte dort seit August einen Teil einer Säule ausge-
höhlt, um darin die Bombe zu platzieren. Zum Unglück der Welt sprach Hitler am Tag der Entscheidung deutlich kürzer als erwartet. 13 Minuten bevor die Bombe detonierte, war die NS-Führung bereits abgereist.

Verbindende völkische Traditionslinien

Weil statt der NS-Führung acht Menschen getötet und 60 weitere verletzt wurden, darunter Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung, hätte sich Elser nicht vom Tatort entfernen dürfen, meint Fritze. Er hätte am Tatort bleiben und gegebenenfalls die Bombe entschärfen oder den Saal evakuieren lassen müssen. Zudem sei die Tat nicht das „Resultat einer kenntnisreichen, sachorientierten und nüchternen politisch-moralischen Kalkulation“ gewesen, so der Politologe. Der Schreiner habe „seine politische Beurteilungskompetenz überschritten“, indem er ein Jahr vor dem Attentat zu der Überzeugung kam, Hitlers Regime führe unvermeidlich zum Krieg.

In den Folgejahren hat sich Fritze zunehmend mit den Bombardements der Alliierten auf Dresden beschäftigt und veröffentlichte eine Monographie unter dem Titel Die Moral des Bombenterrors. Bombenterror oder „Bombenholocaust“ ist eine beliebte Umdeutung der extremen Rechten, um die Notwendigkeit der Zerstörung von Dresden zu relativieren und die von den Alliierten Getöteten mit den Opfern der Shoa gleichzusetzen. Seit 2000 halten Neonazis am 13. Februar Gedenken in Dresden ab, erstmals unter dem Titel „Ehre den Opfern des Bombenterrors“.

Nachdem es um Fritze stiller geworden war, beflügelt den Politologen nun offenbar der europäische Rechtsruck. 2017 gab er der Sezession, dem Magazin des IfS, ein Interview. Darin äußert sich Fritze dezidiert als überzeugter Anhänger neu rechter Ideologie wie die des sogenannten großen Austauschs: „Denkt man ein paar Jahrzehnte voraus, würde eine Politik der ungesteuerten Zuwanderung aus Westasien und Afrika zu Ergebnissen führen, die von einem Großteil der heutigen Deutschen als eine Art Auflösung der Nation betrachtet würden.“

Aus Sicht der Initiative ‚IfS dichtmachen‘, sei es folgerichtig, „dass Fritze nach seinem Interview, dem Versuch der Relativierung der deutschen Schuld an deutschen Kriegsverbrechen, seiner Angst vor einer ‚ethnischen Durchmischung‘ und seinem antisemitischen Geraune von einem Kulturkampf der Eliten gegen das Deutsche Volk jetzt auch auf der Winterakademie des IfS spricht“. Zudem sieht die Initiative in der Akademie, „die, bis auf den Namen, mit einem akademischen Diskurs nichts gemeinsam hat“, eine „zentrale Veranstaltung zur Verknüpfung der sogenannten Neuen Rechten und anderer völkischer Strömungen.“

Bei der vermeintlichen Akademie mit dem Titel Hegung und Entgrenzung wird der Versuch gemacht, „die soziale Frage von rechts zu stellen“, so die Initiative ‚IfS dichtmachen‘. Es dürften etwa „der ehemalige Kader der Autonomen Nationalisten Benedikt Kaiser genau dazu referieren.“ Aus dem Programm werde der völkische Charakter deutlich, so die Initiative, der „Traditionslinien der Kapitalismuskritik der Konservativen Revolution, des Faschismus und des NS verbindet.“

Trennlinie durchbrochen?

Dass die Aktivitäten Fritzes keine Konsequenzen am HAIT haben, erklärt Direktor Thomas Lindenberger auf Anfrage der akduell: „Herr Fritze referiert dort als Privatperson. Der Beitrag in der Sezession und die Teilnahme an der Akademie erfolgten nicht im dienstlichen Auftrag des HAIT und sind nicht Teil der dienstlichen Aufgaben. Aus diesem Grund hat die Institutsleitung ihm die Genehmigung einer Dienstreise zu dieser Tagung an der einschlägig bekannten Einrichtung in Schnellroda verweigert.“ Zudem gebe es eine klare Vereinbarung zwischen Fritze und dem HAIT, so Lindenberger: „Sollte er bei seinen Äußerungen auf seine Tätigkeit im Institut hinweisen, ist das nicht zulässig.“

Interessant ist allerdings, zu welchem Thema Fritze vom IfS eingeladen wurde: Er sprach dort „über die Faszination des marxschen Denkens“. Lindenberger erklärte der akduell, dass Fritze genau dazu am HAIT tätig ist: „Er arbeitet an einer philosophischen und politikwissenschaftlichen Schrift über das Denken von Karl Marx, das ist eine langjährige Studie.“ Unklar ist, ob die vermeintliche Trennlinie zwischen Fritzes beruflichen und privaten Tätigkeiten rechtlich noch gegeben ist, wenn er die seine Forschungen bereits beim IfS ausbreitet.

Lindenberger betont zudem, dass sich das „HAIT einer kritischen, wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit totalitären Systemen und extremistischen Bestrebungen verpflichtet“ sehe. „Wir forschen über Totalitarismus und Diktaturen und über Bewegungen, die das anstreben – nicht mit, sondern über sie. Daher lehnen wir eine Zusammenarbeit mit Einrichtungen der ‚Neuen Rechten‘ strikt ab“, so Lindenberger. Die Initiative ‚IfS dichtmachen‘ macht sich derweil keine Hoffnungen, dass Fritzes Tätigkeiten Konsequenzen habewn, da das HAIT „auch über die älteren Äußerungen Fritzes hinweggesehen hat.“