200 Ausgaben akduell: Hinter den Geschichten

Fotos: Alex Grossert, Meiko Huismann, Maren Wenzel, dpe

Am 3. Oktober 2012 suchte der AStA acht Redakteur*innen für ein neues Zeitungsprojekt. Die Studierendenzeitung akduell sollte nach dem gerade abgewählten Skandal-AStA eine kritische Pressestimme abseits der Newsletter der universitären Pressestelle sein. Fünf Jahre und 200 Ausgaben später blicken wir zurück: Auf internationale Debatten, Hochschulpolitik, die abgedrehtesten Kulturartikel und was noch den Weg in die Zeitung geschafft hat. Aber auch hinter die Kulissen einer Zeitungsredaktion aus Studierenden ohne Chef*in.

von akduell-Mitgründerin Maren Wenzel

Die Nullnummer der akduell startete mit einer Begrüßung: „Hallo, wir sind sind die Neue!“ hieß es auf Seite zwei – eine Redaktion stellte sich und das Projekt vor. Dort hieß es weiter: „Dominiert wird der Blick auf die Uni durch die professionell ausfinanzierte Pressestelle der UDE. Die Pressestelle vertritt allerdings häufig genug weniger die Interessen der Mehrheit der Uni-Angehörigen, also der Studierenden, sondern vielmehr die Positionen der Unileitung. Höchste Zeit also, diese einseitige Kommunikationssituation zu ändern.“ Acht studentische Redakteur*innen sollten ein Gegengewicht bilden. Der Anspruch: Plattform sein, Geschichten erzählen.

Nötig hatte das vor allem die Studentische Selbstverwaltung. Im Januar 2012 war der sogenannte „Skandal-AStA“ abgewählt worden. Gerüchte über Veruntreuung im fünfstelligen Bereich in der studentischen Interessenvertretung machten die Runde. Nicht ohne ein perfides Abschiedsgeschenk: Das Kunst- und Kulturcafé (KKC) wurde für 25.000 Euro in einer Nacht- und Nebelaktion an das Studierendenwerk verscherbelt und so aus den Händen der Studierenden gerissen.

akduell goes AStA-Prozess

Durchgängig berichtete die akduell über die Entwicklungen zum Skandal-AStA und den Prozess vor dem Landgericht Essen. Nach Jahren des Stillstands kam es zur Anklage: Etwa 450.000 Euro, hieß es zunächst in der Schrift, sollen von der Studierendenschaft in private Taschen gewandert sein. Von Oktober bis Mitte November 2016 (Ausgaben 144 bis 153) dokumentierte die akduell kritisch den Prozess, der mit einem Freispruch endete. Und das KKC? „Es ist tot“ titelte die akduell im November 2015, als das Studierendenwerk die Kneipe wegen Baumängeln dicht machte.

Als der VRR im September 2013 ankündigte, die Preise für das Semesterticket um 43 Prozent zu erhöhen, war die akduell bei den zahlreichen Protesten auf den Campi, im Duisburger Rathaus und im Audimax dabei, als sich der VRR über 1.000 wütenden Studierenden stellte. Gebracht hat es leider nichts – die Preiserhöhung kam. Im April 2015 entschieden die Studierenden in einer Urabstimmung, dass sie das Ticket trotzdem behalten wollten.

Immer wieder Studiengebühren

Ebenfalls Dauerbrenner: Studiengebühren. Immer wieder wird über die Wiedereinführung der Campusmaut in der Politik diskutiert und die akduell blieb am Thema (zum Beispiel in den Ausgaben 7, 75, 175). Unter der neuen schwarz-gelben Landesregierung in NRW sollen nun Studiengebühren für Studierende aus Nicht-EU-Ländern eingeführt werden. „Wenn die Herkunft entscheidet, wer zahlen muss und wer nicht, dann ist das nicht nur diskriminierend, es ist rassistisch”, kommentierte Redakteur Daniel Veutgen.

So manch ein zunächst klein erscheinendes hochschulpolitisches Randthema schaffte es dann auch in die internationalen Schlagzeilen. Etwa im Rahmen der „Habibi-Debatte“: Als im Sommer 2013 eine Studierende zwei Karikaturen – darunter eine Darstellung aus Craig Thompsons Werk Habibi, eines Graphic-Novel-Seminars der Anglistik – beschädigte und die Universität die Ausstellung daraufhin beendete, machte der Zensur-Vorwurf bundesweit die Runde. Weil die Studierende Muslimin war und es sich um Darstellung mit Verbindung zum Islam und Israel handelte, sinnierten Fernsehsender und Zeitungen bis in die USA einen Kulturkampf herbei. Der ehemalige akduell-Redakteur Rolf van Raden untersuchte daraufhin den Diskurs um den Essener Karikaturen-Streit (Ausgabe 79).

Auch ein investigativer akduell-Artikel von Philipp Frohn über antisemitische Darstellungen in einem Schulbuch des Klett-Verlags (Ausgabe 159) machte bundesweit Schlagzeilen. Der Klett-Verlag nahm die Karikatur daraufhin aus dem Schulbuch. Ebenfalls um Antisemitismus drehte sich der mit größte Konflikt in der akduell-Redaktion: Als im Sommer 2014 antisemitische Proteste in der Bundesrepublik stattfanden, eskalierte eine Demonstration – organisiert von Linksjugend und Linkspartei in Essen. Im Anschluss der Kundgebung griffen Teilnehmer*innen eine israelsolidarische Demonstration an, zeigten den Hitlergruß und auch die Synagoge wurde angegriffen. Die akduell berichtete kritisch (Ausgabe 67) und zwei Redakteure, die die Demonstration maßgeblich organisiert hatten, schieden danach aus der Redaktion aus.

Schon in der Ausgabe 0 legte man sich fest, dass studentisches Leben nicht ausschließlich am Campus stattfindet. Regelmäßig in der Berichterstattung: Der Kampf um Freiraum im mit Leerstand gespickten Ruhrgebiet (Ausgabe 196). Ob Bärendelle (Ausgaben 30, 48, 87) und Alibi (Ausgabe 124) in Essen oder das Syntopia in Duisburg (Ausgabe 69): Für studentische Initiativen und Freiraumkämpfe waren immer Zeichen da.

Außerdem berichtete die akduell unter anderem über den NSU-Prozess, die Grauen Wölfe, NPD, Pro NRW, AfD und Pegida in Duisburg, also über rechte Strukturen. Auch rechte Burschenschaften, die sich beim 50-jährigen Jubiläum der Ruhr-Universität präsentieren konnten, waren Thema. Oder die AfD-Professorin, die den Rechtsstaat für tot erklärt. Die akduell interviewte ebenfalls eine der Studierenden, die an der RUB als Weihnachtsmann verkleidet den Studenten Michael Brück als Neonazi outete (Ausgabe 44).

Von Neonazis geoutet und bedroht

Nicht nur Freund*innen hat sich die Redaktion damit gemacht: Als die akduell in Druck ging, reagierte das rechte Blog Pi-News damit, die Facebooknamen oder E-Mail-Adressen der Redakteur*innen zu veröffentlichen. Einzelne Redakteur*innen erhielten Drohnachrichten, wurden am Rande von rechten Demonstrationen bedroht oder sogar angegriffen. Bis vor die Staatsanwaltschaft gingen die Auseinandersetzung mit der rechten Szene. Als die akduell berichtete, dass hinter einem Rockabilly-Laden in Essen unter anderem eine rechte Kameradschafterin steckte (Ausgabe 46), blieben die Lieferant*innen weg und der Laden musste schließen. Die Inhaberinnen stellten Strafanzeige, die jedoch im Sand verlief.

Auch hochschulpolitisch war es nicht immer leicht. So machte unter anderem der CDU-nahe RCDS noch im Sommer 2014 Wahlkampf damit, die akduell abschaffen zu wollen. Inklusive eines organisierten Shitstorms auf der Facebook-Seite durch die Junge Union. Als Ende 2016 der rot-rot-grüne AStA durch eine Koalition aus Internationaler Liste (IL), Antihelden, Liberaler Hochschulgruppe (LHG), den Unabhängigen Demokraten (UD) und dem RCDS abgelöst wurde, kamen und gingen die Projektkoordinator*innen, die Auflage wurde von 5.000 auf 3.000 ohne vorherige Absprache reduziert. Eine Zerreißprobe für die Redaktion. Trotzdem erschien die Zeitung jede Woche – bis auf eine Ausnahme: Nach neun Ausgaben trat die erste Redaktion in Streik, weil die Honorare nicht überwiesen worden waren.

Finanziert wird die akduell seit jeher – ähnlich wie das Semesterticket – solidarisch durch den Sozialbeitrag von allen Studierenden. 70.000 Euro sind dafür im Haushaltstopf. Das klingt zunächst viel, davon werden jedoch alle Kosten, wie Druck und Honorare getragen. In der Redaktion, der mittlerweile neun Redakteur*innen angehören, wurde wegen des kleinen Budgets immer viel ehrenamtliche Zusatzarbeit von allen Redaktionsmitgliedern geleistet. Eine gleichberechtigte Lernredaktion ohne Hierarchien – also ohne Chefredaktion – mit stets wechselnden Redakteur*innen bedeutet viel Arbeit, die sich für die Mitglieder aber lohnte. Außer, es wurde mal wieder wegen des Konsensprinzips, Gendern, Bananen oder schlechtem Kaffee zu lange auf den mittwöchlichen Redaktionssitzungen diskutiert, versteht sich.

Durchgängig Thema war vor allem die Ausgrenzung und der Rassismus – auch gegenüber geflüchteten Menschen, über den die akduell durchgängig berichtete. Sachleistungen in Unterkünften in Essen (Ausgabe 29), die Vorwürfe der Misshandlung von geflüchteten Menschen im Essener Opti-Gewerbepark durch European Homecare (Ausgabe 72) sowie zahlreiche Protestaktionen von selbstorganisierten Gruppen – etwa gegen die Zustände oder Abschiebungen – waren Thema.

Auch das akduell-Interview mit einer geflüchteten Frau, die angibt, in Burbach von Mitarbeitenden der Unterkunft verschleppt und misshandelt worden zu sein, machte Schlagzeilen. Die Bedrohung durch Neonazis und anschließende Räumung des überwiegend von Rom*nija bewohnten Hauses „In den Peschen“ wurde von der akduell begleitet – etwa in der „Chronologie der Ausgrenzung“ von der Autorin dieses Textes (Ausgabe 67).

Bosse, Egotronic, Lady Bitch Ray

Neben Politik und Hochschulpolitik erschien in jeder Ausgabe mindestens auch ein Kultur-Thema. Ob durchtanzen mit Hgich.T, Premieren in der Essener Lichtburg von Linda Gerner oder das Betreten von verlassenen Gebäuden: Die akduell schaute sich auf Ausstellungen, Konzerten und Partys um, die es nicht in andere Zeitungen schafften oder die auch von Studierenden – wie etwa das jährliche Campusfest – organisiert wurden. Interviews unter anderem mit Bosse, Egotronic, Neonschwarz, der Antilopen Gang oder Lady Bitch Ray erschienen ebenfalls in der Zeitung.

Ein paar Zeilen Schabernack schafften es auch in die Zeitung. In „Breaking Studiwohnheim“ (Ausgabe 47) erklärte die akduell, wie man auf Drogen durch die verschlossene Wohnheimtür kommt, in „Tschakka – die spinnen, die WiWis“ besuchte die akduell satirisch das Career-Bootcamp der Wirtschaftswissenschaften und in „Wahlabend aus der Hölle“ (Ausgabe 171) irrte Redakteur Dennis Pesch nach den NRW-Landtagswahlen durch die Wahlpartys. Die Arbeiten der Comiczeichner*innen Sebastian Happ unter dem Namen HLP! und seit der Ausgabe 100 mit Jennifer van de Sandts Wohnheimgeschichten sind ebenfalls fester Bestandteil der akduell.

Und jetzt? Jetzt steht die Umstrukturierung der akduell an: Statt wöchentlich soll sie monatlich erscheinen mit einem größeren Online-Angebot. Auf die nächsten 200 Ausgaben akduell!

Die Autorin dieses Artikels gründete im Oktober 2012 die akduell mit und verließ die Redaktion im Oktober 2017.