Als ich in der Bib beklaut wurde

Der Geldbörsenfinder erschnüffelte die acht Portemonnaies von Studierenden im Duisburger Stadtwald. (Foto: BRIT)

In der Uni ist alles anders. Besonders in der Bibliothek. Da haben sich alle lieb. Schließlich teilen sie ein Leid: Klausurvorbereitungen, Projekte wie auch Seminar- oder Abschlussarbeiten. Meistens unter maximalem Zeitdruck. So dachte ich mal – bis mir dort Anfang Dezember mein Portemonnaie geklaut wurde.

Oft ist es eine Sache von wenigen Minuten. Ich spritze mir nur kurz kaltes Wasser ins Gesicht, um endlich wach zu werden. Es ist halb neun Uhr an einem Donnerstagmorgen. Seit Wochen war es wie ein Ritual für mich geworden: Nachdem ich den PC im Erdgeschoss der Bibliothek in Duisburg mit meiner Arbeit starte, gehe ich auf die Toilette und praktiziere die sehr abgemilderte Variante der Ice Bucket Challenge. Der Mensch direkt vor mir im Spiegel trägt schwarze Ränder unter den Augen und erinnert mich daran, warum ich hier bin: „Schreib deine Abschlussarbeit. Du hast nur noch eine Woche Zeit und verstehst bis heute die Homoskedastizität nicht.“ Die Aufforderung im Selbstgespräch zeigt die Wirkung einer mentalen Ohrfeige. Zurück an meinem Platz angekommen, kann mir Google 24 Stunden später immer noch nicht weiterhelfen.

Nach wiederholtem Scheitern greife ich nach meiner Geldbörse, um mich auf die Pause im U-Café vorzubereiten. Wie auf einem Wühltisch im Winterschlussverkauf kämpfen sich meine Finger durch den Rucksack, der währenddessen gefühlt um fünf Quadratmeter gewachsen war. Mit jedem tieferen Wühlen verstärkt sich die latente Aggression in mir, bis sie dann ausbricht: Ich das „Drecksteil“ als solches beschimpfe, über dem Tisch auskippe und auf den Boden schmeiße. Mein Portemonnaie ist weg.

Erst folgt ein dreiminütiger Schockzustand, bevor ich mir eingestehen muss: „Du hast es heute Morgen in den Rucksack gesteckt und gerade noch in der Hand gehabt.“ Dann dreht der Kopf durch: „Fuck, mein Bargeld ist weg. Fuck, ich muss die EC-Karte sperren lassen und – das unangenehmste Fuck – ich muss den Personalausweis neu beantragen.“ Die Angst vor dem Besuch beim Amt mit Pflanzen auf Rollen und grausamen Bürowitzen an den Wänden lässt mich kurzzeitig meine Abschlussarbeit vergessen – und ich behaupte bis heute, dass es die schlimmste Zeit meines Lebens war.

Weder Studierende noch Bibliothekspersonal hatten Auffälliges beobachtet. Aus meiner ohnehin schon stressigen Lebenslage resultiert meine Fahrlässigkeit: Ich erstatte keine Anzeige gegen Unbekannt, informiere die Polizei also nicht über den Verlust von Personalausweises und EC-Karte. Letztere lasse ich sperren.

Fast acht Wochen später erhalte ich einen Anruf, der mich in einen ganz ähnlichen Schockzustand versetzt: „Guten Tag, hier spricht Herr Elbers von der Kriminalpolizei.“ Mir wird schlecht. „Wir haben Ihr Portemonnaie und Sie können es bald abholen.“ Zwei Tage später sitze ich mit keinem wirklich besseren Gefühl im Magen bei Herrn Elbers im Büro. Insgesamt hat der*die unbekannte Dieb*in acht weitere Geldbörsen geklaut. Gefunden wurden sie am Freitag, 15. Dezember, von einer Spaziergängerin im Duisburger Stadtwald Nähe des Zoos. „Als der Hund der Spaziergängerin ungewöhnlich lang an einem Busch schnüffelte, wurde sie skeptisch und fand die Geldbörsen“, sagt Elbers.

Alle acht Geschädigten sind Studierende und ordnen den Vorfall in den Zeitraum vom 3. bis 13. Dezember zwischen acht und elf Uhr ein. Drei stammen aus Duisburg, jeweils eine Person aus Essen, Mülheim an der Ruhr und Düsseldorf. Zwei erstatteten direkt Anzeige und bleiben deshalb anonym. Alle gaben an, sich zum Zeitpunkt der Tat im Erdgeschoss der Bibliothek, links im PC-Bereich, aufgehalten zu haben. Der Polizeibeamte tauchte subtil in seine ganz eigene Tatort-Folge ein, da es bisher keine weiteren Beweise gibt: „Der Täter ist vermutlich systematisch durch die Bibliothek gezogen und war kein Student.“

Auf seine Anmerkung, dass es dort eine für mich hilfreiche Videoaufzeichnung geben könnte, verabschiede ich mich schnell und entgegne: „Ich hoffe nicht!“ Abgesehen davon, dass diese (zum Glück) nicht existiert, habe ich bis heute keine Vergeltungsgelüste entwickelt. Vielleicht aber auch ganz schön leicht reden, da ich das Wertvollste – meinen Personalausweis – zurück habe. Eine der Geschädigten trug allerdings die Hälfte ihrer Monatsmiete bei sich, die natürlich nicht mehr in der Geldbörse war. Seither sind keine weiteren Diebstähle bekannt.