Binäres Geschlechterverständnis: Drauf geschissen!

Ein Kommentar von Lorenza Kaib

Am ruhigsten ist es noch immer zu Hause – aber manchmal muss man auch woanders. (Foto: lenz).

Auf das gesamte Leben gerechnet verbringen wir viel Zeit auf dem Klo. Die Zahlen variieren zwischen sechs und neun Monaten. Natürlich wird auch in Lehranstalten regelmäßig organischer Ballast abgeworfen, an vielen Unis und so ziemlich den meisten Schulen strikt nach Geschlechtern getrennt. Doch es geht auch anders: Am 23. Januar verkündete etwa der AStA der Universität Bielefeld freudig auf Facebook: „Endlich! Bald! All Genders Toiletten an der Uni Bielefeld! Breaking News: Juhuu. Nächstes Semester wird es vier All Gender Toiletten an unserer Uni geben. Im Uni-Hauptgebäude werdet ihr demnächst auf C0-126 und U0-123, im X-Gebäude auf X-E0-109 und X-E1-116 ein Klo für Alle finden!

Die Frage, welche manche Studis daraufhin haben könnten, nimmt der AStA vorweg und liefert die Antworten gleich mit: „Warum stellen All Gender Toiletten eine wichtige Veränderung an der Universität dar?“ In seiner Argumentation verweist das studentische Gremium vor allem darauf, dass die geschlechtliche Vielfalt eben nicht bei Mann und Frau aufhört, weshalb eine binäre Einteilung von Toiletten diskriminierend sei und ausschließen könne: „Viele Menschen erleben strukturelle Diskriminierung und Gewalt unter anderem in öffentlichen Toilettenräumen, weil sie zum Beispiel eine vermeintlich »falsche« Toilette aufsuchen. Der Gang zur öffentlichen Toilette wird daher häufig vermieden.“

Freude über All Gender-Toiletten versprüht der AStA auf seiner Facebook-Seite (Screenshot: lenz).

Toiletten für Alle, Tampons und Binden auch auf Herrenklos, Studierendenwerk statt Studentenwerk – bei diesen Themen ist der Shitstorm nie fern. Hater*innen werden von einem Fünkchen Mehr an Gleichberechtigung – beziehungsweise einem Quäntchen weniger Exklusion – angezogen wie Motten vom Licht. „Unnötigste Geldverbrennung und Beschäftigungstherapie für Non-Performer seit langem“, meint so auch vollkommen unüberraschenderweise Facebook-User Alex. Es scheint, dass sich vor allem Männer durch das Abmontieren ein paar heißgeliebter Urinale ordentlich ans Bein gepinkelt fühlen. Gut, dass Jens noch einmal das Weltbild zurechtrückt, beziehungsweise festzementiert, dass echte Männer nunmal im Stehen pinkeln – komme, was da wolle: „Die Urinale werden abgebaut! Na, da werden sich die Frauen (darf man(n) das eigentlich noch sagen?) aber freuen, wenn sie zukünftig auf, von Stehpinklern berieselte, Toiletten gehen dürfen. Die tolle neue Weltordnung lässt grüßen.“

Das stille Örtchen ist wohl doch nicht so ruhig, wie gedacht. Zumindest liefert es kontinuierlich Stoff für Debatten und bietet die Möglichkeit, auch gedanklichen Ausscheidungen einfach mal freien Lauf zu lassen. An der UDE gibt es übrigens auch Wasserklosetts für Alle – doch sind sie zahlenmäßig noch weit unterlegen und lediglich beim AStA am Essener Campus sowie im AStA-Keller in Duisburg zu finden. Liebe UDE, da ist noch was drin. Die Freiheit sollte nicht beim Denken aufhören, sondern insbesondere an der Basis ansetzen – und dazu zählen eben auch Grundbedürfnisse wie eine diskriminierungsfreie Darmentleerung.