Ein halbes Jahr Dauerbelastung für Lehramtsstudierende

Der Fokus des Praxissemesters liegt nicht auf dem Unterrichten.Vielmehr sollen angehende Lehrer*innen den Schulalltag
theoriegeleitet reflektieren. (Foto: fro)

Ein komplettes Master-Semester verbringen Lehramtsstudierende in der Schule. Im Praxissemester sollen die angehenden Lehrer*innen Berührungspunkte mit dem Schulalltag erhalten und theoretische Konzepte vor Ort reflektieren. Das Praktikum wird von Studierenden insgesamt als sinnvoll betrachtet – doch verlangt es ihnen auch vieles ab.

Seit über einem Monat befinden sich rund 300 Lehramtsstudierende der Universität Duisburg-Essen (UDE) im Praxissemester, dem letzten großen Praktikum vorm Eintritt in den anderthalbjährigen Vorbereitungsdienst. Ein halbes Jahr lang ist nun die Schule hauptsächlicher Lernort. Loraine Schornstein ist eine von ihnen. Sie studiert die Fächer Deutsch und Biologie für Gymnasiallehramt. Im Praxissemester wird sie nicht das erste Mal vor einer Schulklasse stehen. Schon seit über einem Jahr arbeitet sie an einem Gymnasium in Duisburg-Marxloh als Vertretungslehrerin. „Der Job als Vertretungslehrkraft macht Spaß und ermöglicht mir, viel mit den Schülern auszuprobieren. Aber er ist mit dem Praxissemester und den hohen Anforderungen nur schwer vereinbar“, schildert die 22-Jährige.

Im Praxissemester legen die Studierenden einen Spagat in drei Richtungen hin: Präsenz in der Schule, Seminare in der Universität und im Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung (ZfsL) erfordern eine gute Organisation. Den Großteil der Praktikumszeit verbringen die Studierenden aber an einer der insgesamt 650 Ausbildungsschulen im Bezirk der UDE. Was Praxiserfahrung und Lehrkompetenz angeht, hat Schornstein gegenüber ihren Kommiliton*innen einen enormen Vorsprung. „In Seminaren bin ich den anderen Studierenden oft um Längen voraus, weil ich schon aus der Erfahrung erzählen kann“, berichtet sie aus ihrem Uni-Alltag. Sechs Stunden unterrichtet sie wöchentlich Biologie. „Ich habe Zeugniskonferenzen mitgemacht, gebe versetzungswirksame Noten und eigenständigen Unterricht – und gehe jetzt zurück in die Rolle der Beobachtenden“, erzählt Schornstein frustriert. Ihre Tätigkeit als Vertretungslehrerin an das Praxissemester anrechnen lassen kann sie sich jedoch nicht. Auch sie muss die Praxisphase komplett belegen.

Fokus liegt auf forschendem Lernen

Viele Studierende gingen mit der Erwartungshaltung ins Praxissemester, unterrichtliche Praxis hautnah erleben zu können, erklären Matthias Sommer und Benny Grabowski von der Lehramtsvertretung, die sich mit den elf Lehramtsfachschaften vernetzt. Das sei verständlich, denn auf der Zielgeraden des Studiums wollten sich Studierende gerne mehr in dem Tätigkeitsfeld bewegen, in dem sie viele Berufsjahre verbringen werden. Doch der Fokus des Praxissemesters liegt nicht im Unterrichten, sondern im forschenden Lernen. In jedem ihrer bis zu drei Unterrichtsfächer sowie in Bildungswissenschaften müssen Studierende ein Studienprojekt – zum Beispiel über Unterrichtsstörungen oder dem Leseverhalten der Schüler*innen – absolvieren, um den Schulalltag theoriebasiert zu reflektieren.

Arbeitsaufwand und Vorbereitung sind sehr fachabhängig. Während in den Bildungswissenschaften lediglich ein Poster zum eigenen Forschungsprojekt angefertigt werden muss, sollen angehende Sozialwissenschaftslehrer*innen sowohl ein Studien- als auch ein Unterrichtsprojekt durchführen und es in einer 25-seitigen Hausarbeit reflektieren. „Die Ausgestaltung der Vorbereitung und Begleitung des Praxissemesters liegt in der Verantwortung der Fakultäten“, erklärt Frank Diehr vom Zentrum für Lehrerbildung (ZLB), das für die Organisation des Praxissemesters zuständig ist. Viele Studierende sehen die Studienprojekte als zusätzliche Belastung. Wie eine Studierendenbefragung des Landes Nordrhein-Westfalen ergab, arbeiten die Studierenden für die Projekte deutlich mehr als sie dafür Credit Points erhalten. Schon lange versuchen Studierende und Vertreter*innen, die hohe Belastung ins Bewusstsein der Universität zu rücken. „Diese Studie hat unsere subjektive Wahrnehmung unterfüttert“, sagt Grabowski. In Gesprächen mit Praxissemester-Studierenden wurde sich oft über den zu hohen Arbeitsaufwand beklagt. Die langanhaltende Diskussion zeigt nun Wirkung. „Es wird demnächst reduziert auf zwei Projekte. Dennoch bleibt die Anzahl der dafür zugeschriebenen Leistungspunkte gleich“, führt Diehr fort. Studierende können sich dann aussuchen, in welchem ihrer Fächer sie die Studienprojekte absolvieren.

Matthias Sommer, Julia Stiels und Benny Grabowski (v. l. n. r.) sitzen in der Lehramtsvertretung und engagieren sich für die Interessen von Lehramtsstudierenden. (Foto: Sylvia Schemmann)

„Es war sehr wichtig, dass die Schulen und die ZfsLs gesagt haben, dass es mit den Studienprojekten so nicht weitergehen kann“, erzählt Sommer. Denn auch erstere sehen sich mit der großen Anzahl an durchzuführenden Projekten konfrontiert. Bei drei Praktikant*innen werden pro Schulhalbjahr 15 Projekte durchgeführt. Für die Schulen bedeutet das Mehraufwand: Die Projekte werden zum Teil von Lehrkräften begleitet, zudem muss für deren Durchführung Unterrichtszeit geopfert werden.
Dass die Anzahl der Studienprojekte reduziert wird, stoße bei Studierenden auf Erleichterung, so die Lehramtsvertretung. Die Relevanz der Studienprojekte erkennt sie an – schließlich handele es sich auch im Lehramtsstudium um eine akademische Ausbildung. „Wir versuchen aber durchzusetzen, dass die institutionellen Vorgaben leicht händelbar sind, sodass man in das Handlungsfeld Unterrichten überhaupt reinkommt“, sagt Grabowski. Sie hoffen, dass die dadurch gewonnene Entlastung mehr Freiräume für individuelle Entfaltung bedeute.

Auch Schornstein findet es wichtig, dass Studierende im Praxissemester eigene Unterrichtsstunden vorbereiten und mit einer Klasse durchführen können. „Es ist wie in der Fahrschule“, beginnt sie ihren Vergleich. „Durch den Theorieunterricht wusste man ungefähr, welche Knöpfe man drücken muss – aber wenn man nicht gefahren ist, weiß man nicht, ob man das Wissen auch anwenden kann. Und da muss man auch mal gegen eine Wand fahren können.“ Für solche experimentellen Vorhaben biete sich das Praxissemester besonders an. In Absprache mit Fachlehrer*innen können die Studierenden unter Aufsicht eigene Module oder ganze Unterrichtsstunden und -reihen durchführen. Zwar erhalten sie in jedem Fach einen Unterrichtsbesuch von ihren Seminarleiter*innen aus dem ZfsL, doch gibt es nur ein unbenotetes Feedback. Dieses Privileg haben sie im Referendariat nicht mehr. Die Bewertungen der Unterrichtsbesuche fließen dann in die Abschlussnote ein.

Niemand will nach Kleve

Doch auch wenn der Fokus nicht auf dem Unterrichten liegt, sind die Studierenden direkt in den Schulalltag eingebunden. „Die entscheidenden Vorteile sehe ich in der größeren Praxisnähe und der wesentlich engeren Kooperation zwischen Universität und Schulpraxis. Es bringt Universität näher an Schule und Schule näher an Universität“, beschreibt Diehr einen wesentlichen Vorzug des Praxissemesters. Er kennt aber ebenfalls die Kehrseite der Medaille: „Das Praxissemester ist auch eine echte Belastung“, fasst er die Eindrücke von Studierenden zusammen. Während diesem halben Jahr seien Studierende weniger flexibel als in anderen Semestern des Studiums, wo man Seminare und Vorlesungen relativ frei belegen kann. Da die Studierenden aber durchschnittlich an vier Tagen in der Schule sind, ist es schwer, nebenbei arbeiten zu gehen. Finanzielle Engpässe seien eine große Sorge von Studierenden während des Praxissemesters, so Diehr.

Schornstein hatte Glück: Sie kann auch weiterhin als Vertretungslehrerin arbeiten. Sowohl ihr jetziger Arbeitsplatz als auch die Praktikumsschule zeigten sich kooperativ. Glück hatte sie auch bei der Zuteilung der Schule. „Ich bin froh, dass ich meinen Erstwunsch bekommen habe. Die Straßenbahnfahrt dauert zehn Minuten – ich stolpere da quasi hin“, sagt die angehende Gymnasiallehrerin. Für eine ihrer Kommiliton*innen sehe es hingegen weniger praktisch aus. Sie muss nun täglich nach Kleve an der niederländischen Grenze fahren. Ihr Praxissemester beginnt sie mit Unzufriedenheit. Dass nur wenige Studierende dort ihr Praxissemester absolvieren wollen, überrascht nicht. Von Essen bis in die Kleinstadt Kleve legt man 90 Kilometer zurück, die Verbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist bescheiden – vor allem, wenn sich die Schule nicht einmal in Bahnhofsnähe befindet. Kleve ist zu einem Schreckgespenst unter Lehramtsstudierenden verkommen ist. Es steht sinnbildlich für die Sorge, enorm lange Wege in Kauf nehmen zu müssen.

Am Limit: Kapazitäten des ZfsL

Dabei hatte Schornsteins Freundin auf genau die Tipps gehört, die Diehr und seine Mitarbeiter*innen vom ZLB den Studierenden immer geben. Um die Wahrscheinlichkeit zu mindern, auf übrige Kapazitäten im Ausbildungsbezirk verteilt zu werden, sollten sie sich für fünf Wunschschulen in verschiedenen Städten bewerben. Doch sei auch das kein Garant, um nicht aufs Land zu müssen. Das Verteilergebnis in der Kohorte dieses Semesters sei schlechter als noch vor einigen Jahren, obwohl die Anzahl der Studierenden nahezu unverändert bleibt, führt Diehr aus. Das Problem seien weniger die Schulen, sondern vor allem die Kapazitäten der ZfsL. „Nicht nur Praxissemester-Studierende werden dort betreut, sondern auch Referendare – deren Betreuung bereits einen Großteil der begrenzten Ausbildungskapazitäten an den ZfsL bindet“, erklärt Diehr. Für einige Unterrichtsfächer stünden nur für etwa zehn Prozent der Studierenden Plätze am Essener ZfsL zur Verfügung. „Das heißt automatisch für die übrigen knapp 90 Prozent der Studierenden: Sie können sich Essen wünschten, so oft wie wollen. Es geht gar nicht,“ weist Diehr auf die begrenzten Kapazitäten hin. Die Einflussmöglichkeiten der Universität seien gering – zum Leidwesen der Studierenden.