Feministischer Austausch mit Margarete Stokowski und Mithu M. Sanyal

Im 21. Jahrhundert unterschreiben Autor*innen anstatt Autogrammkarten eben ausgedruckte Tweets. (Foto: BRIT)

Im vergangenen Jahr sprachen die Autorin Margarete Stokowski und Kulturwissenschaftlerin Mithu M. Sanyal das erste Mal in der Stadtbibliothek Düsseldorf über Feminismus. Das war die Geburtsstunde von Joux fix, einem jährlichen Austausch. Was den Zuschauer*innen am Mittwoch,  28. März, besonders wichtig war, fasst akduell für euch zusammen:

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“, sagte die französische Feministin Simone de Beauvoir, um auf die soziale Konstruktion des Geschlechts hinzuweisen. Unterschiede zwischen Mann und Frau werden vom Großteil der Gesellschaft immer noch als Natur gegebene Tatsachen gelesen – oft zum Nachteil der Frau*. Darin sind sich die Zuhörer*innen in der Düsseldorfer Stadtbibliothek einig. Auf den Fortschritt der Emanzipation wäre die feministische Vordenkerin Beauvoir vermutlich stolz: Eine Regierungschefin, Olympia-Weltmeisterinnen und Monstertruck-Fahrerinnen. „Heutzutage können Frauen außer Papst oder Kundin auf einem Sparkassenformular vermutlich fast alles werden“, sagt Margarete Stokowski.

Erfolgreiche Frauen müssen aussehen wie Hulk

Trotzdem würde es nicht nur darum gehen, in welchen Positionen Frauen landen, sondern mit welcher Selbstverständlichkeit das geschieht. „Es ist schon ein bisschen traurig, was für Menschen als normal und was als nicht normal zählt“, ergänzt sie. Internet-Trolle, die kaum glauben können, dass Frauen* hohe Posten in Unternehmen oder politische Ämter bekleiden. „Oder der weit verbreitete Eindruck, dass die Körpergröße einer Frau etwas mit ihren Kompetenzen als Sängerin, Politikern, Schauspielerin oder Psychologinnen zu tun hat – wenn man sich die Berichterstattung mal genauer ansieht“, sagt Stokowski. Zur Verdeutlichung, dass Frauen, um bestimmte Aufgaben zu erfüllen, offenbar wie Hulk aussehen müssen, liest sie Zitate aus Magazinen und Zeitungen vor: „Wenn gleich klein von Gestalt und eher zart von Statur, hat Benecke ihre Klienten fest im Griff“, heißt es im Spiegel.

Die Neue Nordhäuser Zeitung stellte fest, dass Schottland von einer „zierlichen Powerfrau“ regiert wird. Zu Beginn ihrer Amtszeit schreibt die Deutsche Presse-Agentur über die parteilose Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, dass sie als „zierliche Politikerin vor einer gewaltigen Baustelle steht. Köln ist milliardenschwer verschuldet. Die To-do-Liste ist lang – in puncto Wohnungsbau, Verkehr, Bildung, Wirtschafts- oder Kulturförderung.“ Stokowskis Liste mit Beispielen ist erschreckend lang. Die Zuschauer*innen schütteln empört die Köpfe. Was ihre Zukunftsaussichten anbelangt, bleibt die Autorin trotzdem hoffnungsvoll: „Wir werden schon noch erleben, dass eines Tages geschrieben steht: Sie trägt bei ihrer Arbeit im Vatikan die weiße Soutane, die auch schon ihre Vorgängerinnen trugen.“ Dafür erhält sie Applaus und Jubel.

Daddy Stitch: Frauenverachtender Trend?

Etwas unstrukturiert springen die Autorinnen von einem zum nächsten Thema: Dem Husband Stitch – auch bekannt als Daddy Stitch. Dass es Sanyal während sie referiert, eiskalt den Rücken herunterläuft, ist nicht zu übersehen. Dabei handelt es sich um einen medizinischen Eingriff, der umgesetzt wird, wenn das Gewebe während einer vaginalen Geburt zwischen Vulva und After reißt. Früher führten Ärzte deshalb häufig einen vorbeugenden Dammschnitt durch, mittlerweile vertritt man allerdings den Standpunkt, dass ein spontaner Dammriss besser verheilen kann, weswegen ein Dammschnitt nur noch selten vorbeugend durchgeführt wird. Ganz gleich, ob Riss oder Schnitt, das Gewebe muss nach der Geburt genäht werden. Beim Husband Stitch näht der Arzt dieses weiter zu, um den Vaginaleingang enger zu machen. Viele Frauen berichten nach dem Eingriff über Schmerzen während der Penetration.

Über die Absurdität dieses Eingriff lässt sich das Publikum einstimmig aus, bei der Selbstgeburt als selbstbestimmter Akt gehen die Meinungen aber auseinander. Ein Mann berichtet von „mad woman“ in seinem afrikanischen Heimatdorf, die sich gesundheitlichen Risiken bei einer Selbstgeburt aussetzen. Eine Frau hält dagegen: „Für viele Frauen ist das eine ganz bewusste Entscheidung und völlig selbstbestimmt.“ M. Mithu Sanyal berichtet von der Geburt ihres Kindes, um die aufgeregte Debatte etwas zu entschärfen: „Ich war sehr froh, dass ich eine Hebamme hatte. Ich wäre ungern alleine gewesen.“ Stokowski macht auf strukturelle Probleme aufmerksam: „Ob die Geburt ohne Hebamme selbstbestimmt ist, hängt davon ab, ob Frauen es wollen oder ob es sich eher um eine Notsituation handelt.“ Insbesondere in der Peripherie sei der Weg zu den Krankenhäusern nicht selten zu weit und das Personal dort zu knapp. „Deswegen gibt es eben auch die andere Seite, in der sich Frauen schlecht beraten oder im Stich gelassen fühlen.“

Kein Wort über Rape Culture

Zum Veranstaltungsende wird die #metoo-Debatte aufgegriffen. Ein Mann meldet sich: „Was ich sehr schade finde ist, dass Männer in diese Debatte ausgeschlossen werden.“ Eine andere Frau berichtet von einem erschreckend hohen Anteil von sexualisierter Gewalt gegenüber Männern. Sanyal spricht ihr Unverständnis über die Separation von Mann und Frau in diesem Thema aus. Komplett unerwähnt von den 50 Individuen und zwei referierenden Feministinnen im Raum bleibt während des gesamten Abends aber die Rape Culture. Dabei werden Vergewaltigung und andere Formen der sexualisierten Gewalt von der Gesellschaft toleriert und geduldet. In der sogenannten Vergewaltigungskultur werden Opfer so sozialisiert, dass sie Übergriffen vorbeugen oder sogar verhindern können. Frauen werden zum Beispiel dazu ermahnt, Männer nicht durch aufreizende Kleidung oder der Art, wie sie sich bewegen, herauszufordern. Dass dies der alles entscheidende Moment ist, Vergewaltigung zu verharmlosen, scheint in dieser Veranstaltung redundant zu sein –  und ist ebenso gruselig wie Stokowskis wahr gewordener Albtraum, dass der Konservative Jens Spahn jetzt Gesundheitsminister ist.